Werke aus 60 Jahren

Zu kühn, zu teuer: Ausstellung „Utopie documenta“

Harald Kimpel
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Dani Karavans „Projekt Friedrichsplatz“: 20 Säulen sollten bei der documenta 8 im Jahr 1987 eine Diagonale bilden. Das Kunstwerk wurde wieder gestrichen.

Kassel. Eine Ausstellung im Kasseler Stadtmuseum zeigt unverwirklichte Projekte der documenta. Es ist die erste Sonderausstellung im neuen "Geschichtsturm" des Museums.

Die Freitagabend in Kassel eröffnete Ausstellung „Utopie documenta“ bildet einen krönenden Abschluss des documenta-Jubiläumsjahrs und weist als erste Sonderschau in den sonst vollkommen leeren Räumen des Stadtmuseums voraus auf dessen Eröffnung im Frühjahr.

Kurator Harald Kimpel hat aus 60 Jahren documenta-Geschichte Skizzen, Entwürfe, Modelle, Pläne und Fotos zu 18 Projekten zusammengetragen, die nicht zustande gekommen sind - aus finanziellen oder technischen Gründen, rechtlichen oder behördlichen Sachzwängen. Präsentiert wird also genau das, was die documenta selbst nicht gezeigt hat.

Manches war zu groß gedacht, anderes schlicht zu teuer, mitunter lässt sich gar nicht mehr rekonstruieren, warum ein Kunstwerk doch nicht realisiert wurde. Ein einziges Mal - im Fall von Wolf Vostell, der einen Jagdbomber auf dem Fridericianum platzieren wollte - stoppte die Geschäftsführung die bereits vollständig finanzierten und administrativ abgesegneten Planungen.

„Jede documenta ruht auf einem Unterbau von nicht realisierten Kunstwerken“, sagt Kimpel. Die Ausstellung wolle „einen Schleier lupfen“: den Blick in die Kulissen der documenta-Ausstellungen ermöglichen, bis in die Werkstätten der Künstler hinein.

Seit 1972 lassen die künstlerischen Leiter exklusiv für Kassel Kunst in ortsspezifischen Bezügen entstehen, vorher wurden bereits vollendete Arbeiten nur vorübergehend ausgeliehen. Kimpel: „Harald Szeemann hat aus Arnold Bodes Museum der 100 Tage ein 100-Tage-Ereignis gemacht.“

Das Spektrum reicht von Bodes Vision, den Oktogon des Herkules zu bespielen - mit der prompt auch der aktuelle künstlerische Leiter Adam Szymczyk wieder konfrontiert wurde -, bis zum gescheiterten Versuch der Teilnehmer der d13, Guillermo Faivovich und Nicolás Goldberg, den mit 37 Tonnen zweitschwersten Meteoriten der Welt, „El Chaco“, aus Argentinien bis zum Friedrichsplatz zu transportieren. Das Duo hatte nicht mit dem Protest der indigenen Bevölkerung gerechnet, die den Meteoriten als Heiligtum verehrt.

Kurator Kimpel hat in Museen, Galerien, Privatsammlungen in aller Welt und natürlich in den Beständen des Kasseler documenta-Archivs in aufwendiger Recherche Erstaunliches zutage gefördert. Zeichnungen von Stephan Hubers „Helden der Arbeit-Solidaritätsgruß-Blechsäule“, die neun Meter hoch vor der Orangerie stehen sollte, entdeckte er ausgerechnet in der Sammlung der Deutschen Bank. Manches erweist sich heute als visionär - so wollten Helen Mayer Harrison & Newton Harrison 1987 Kassels Lage am Fluss bewusst machen. Die Brücke zur Unterneustadt entstand später genau dort, wo es sich das Paar vorstellte.

Die Künstler seien bis auf wenige Ausnahmen begeistert gewesen, dass auch ihre nicht verwirklichten Ideen Thema einer Ausstellung werden, berichtet Kimpel. Schwieriger und teurer, was Transportkosten und Versicherungen betrifft, seien Leihgaben von Nachlassverwaltern.

Es gehe nicht um das Bedauern verpasster Chancen, geschweige denn Schuldzuweisungen, sagt Kimpel. Deutlich werde vielmehr die positive Energie, die hinter jeder documenta stehe. Manche Projekte spiegelten die ästhetischen und gesellschaftlichen Vorstellungen ihrer Zeit, doch seien sie im Grunde nicht für immer verloren, sondern „nur noch nicht realisiert“. Manche Ideen seien „frisch wie am ersten Tag und noch nicht zu Tode diskutiert“.

Weil die Sichtbeton-Wände im neuen „Geschichtsturm“ die Hängung der kleinteiligen Exponate nicht erlauben (eine reichlich bizarre Situation in einem neu zu eröffnenden Museumsgebäude), hat Jakob Gebert, Professor für Möbeldesign und Ausstellungsarchitektur an der Kasseler Kunsthochschule, in jeden Raum Wände in Flügelform gebaut. Gebert fand diese Aufgabe „außerordentlich reizvoll“. Er schätze die Räume in ihrer Rauheit und ihrer großen Qualität sehr.

Bis 14.2., Ständeplatz 16, Di-So 12-17, Mi bis 20 Uhr. Eintritt frei. Zahlreiche Führungen, erste Termine: 8./29.11., 11.30 Uhr, 18.11., 17 Uhr, und n. V., Tel. 0561/7871400. Katalog 29 Euro.

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