Lukas Kummer: Schrecken des Kriegs als Graphic Novel

Skizzen, Vorarbeiten, Originale: Lukas Kummer bei der Hängung seiner Ausstellung im Kunsttempel. Foto: von Busse

Kassel. Das Festival des grafischen Erzählens im Kunsttempel in Kassel wird am Mittwoch, 19 Uhr, mit einer Ausstellung von Lukas Kummer eröffnet. Er stellt sein Debüt "Die Verwerfung" vor.

„Jetzt reicht’s“ - an diesen Punkt kam Lukas Kummer öfter, als er seine 112-seitige Graphic Novel „Die Verwerfung“ über den Dreißigjährigen Krieg zeichnete. So viel Grausames musste er aufs Papier bringen: „Das müssen unglaublich verrohte Menschen gewesen sein“, sagt der 26-Jährige über die marodierend durch ein verwüstetes, entvölkertes Land ziehenden Söldner.

Doch Kummer fand es zu schade aufzugeben, zumal er gründlich recherchiert („die eigentliche Arbeit“) und sich bemüht hatte, ein Gespür für die Mentalität im 17. Jahrhundert zu entwickeln. Aber als er seine „Reise- und Survivalgeschichte“, die Abschlussarbeit an der Kasseler Kunsthochschule, beendet hatte, musste er „etwas Lustiges“ entwerfen. Auf seinem Blog (kummersblog.blogspot.de) erhält man Einblicke.

Beim Kasseler Festival des grafischen Erzählens, das bis Sonntag im Kunsttempel stattfindet, präsentiert der Meisterschüler von Prof. Hendrik Dorgathen ab heute Abend Vorarbeiten, Originalzeichnungen und Skizzen zu seinem Debüt, das in limitierter 50-Stück-Auflage für 15 Euro zu haben ist.

Kummer, der aus Pfons in Tirol stammt, hat lange gebraucht zu verstehen, was im Dreißigjährigen Krieg - eines der wenigen Themen, die vom Geschichtsunterricht in Innsbruck haften blieben - vorgefallen ist: „Das Wesen dieses Kriegs ist unglaublich undurchsichtig.“ Er sei heute nicht mehr nachzuvollziehen. Die verstörenden Situationen, mit denen er ein Geschwisterpaar im Südwesten Deutschlands konfrontiert, seien aber alle belegt, sagt Kummer. Vor allem die endzeitlich-düstere Atmosphäre faszinierte ihn. Kummer glaubt, dass ähnlich apokalyptische Bedrohungsszenarien auf die Menschheit zukommen - der Klimawandel etwa könne zu echten Problemen führen.

Wie es für Kummer selbst weitergeht, ist in der Schwebe. Der 26-Jährige ist froh, dass er sich an der Kunsthochschule ausprobieren konnte, ehe das Studium vollends „verbacher-lort“ wurde - als Künstler komme man ja gar nicht drum herum zu lernen, mit der eigenen Freiheit und Verantwortung zurechtzukommen. Er hat sich bereits selbstständig gemacht, schon erste Aufträge erledigt („verlässlich und diszipliniert muss man sein“), kann sich vorstellen, nach Wien zu ziehen. Berlin komme nicht infrage: „Das ist für Kreative inzwischen ein hartes Pflaster.“ Kassel habe viele Vorteile. Kummer beobachtet: „Wer nicht nach Berlin geht, bleibt hier.“

Das Festival-Programm

Mittwoch, 14. Januar, 19 Uhr: Eröffnung, „Die Verwerfung“ mit Ausstellung und Vortrag von Lukas Kummer. Die Ausstellung ist während des Festivals täglich von 18.30 bis 22 Uhr geöffnet.

Donnerstag, 15. Januar:

19 Uhr: „Die Wahrheit im Comic ist immer subjektiv“, Andreas Platthaus, Redakteur im FAZ-Feuilleton, spricht über die Comic-Reportage.

20.30 Uhr: „Im Land der Frühaufsteher“, Paula Bulling stellt ihre Comic-Reportage zur Flüchtlingspolitik und vom Leben in Asylbewerberheimen in Sachsen-Anhalt vor.

21.30 Uhr: „Kriegszeiten und Weiße Wölfe“, David Schraven über seine Comic-Reportagen über Soldaten, Politiker und Opfer in Afghanistan sowie über den Rechtsextremismus in Europa. Der Journalist leitet das Ressort Recherche der WAZ-Mediengruppe in Essen.

Freitag, 16. Januar: 

19 Uhr: Gezeichnete Bekenntnisse. Andreas C. Knigge, Publizist, Lektor, Übersetzer und Literaturagent, über autobiografisches Erzählen im Comic.

20.30 Uhr: „Im Himmel ist Jahrmarkt“. Birgit Weyhe erzählt in ihrer Graphic Novel aus dem Leben ihrer Großeltern.

21.30 Uhr: „Vita Obscura“. Simon Schwartz über seine unbekannten, exzentrischen, aber doch wahren Comic-Biografien.

Samstag, 17. Januar: 

19 Uhr: „Hotel Hades“, Comic-Lesung mit Katharina Greve, u. a. Trägerin des Deutschen Cartoonpreises.

20.30 Uhr: Wo soll das alles enden? Eine Ära der deutschen Comic-Geschichte: Gerhard Seyfried, seit 1971 freischaffender Karikaturist, im Gespräch mit Hendrik Dorgathen (Kunsthochschule) und Andreas Gebhardt (Literaturbüro Nordhessen).

Sonntag, 18. Januar: 

11.30 Uhr: Ohne Comics keine Filme. Daniel Stieglitz, Absolvent der Kasseler Kunsthochschule, der u. a. am Film „Der Baader-Meinhof-Komplex“ mitwirkte, über Storyboard und Film.

13 bis 17 Uhr: Papier-Café: Comics, Artzines, Künstlerbücher made in Kassel mit Kaffee, Tee und Leckereien, organisiert von Carmen José und Kathi Seemann. Alle Veranstaltungen im Kunsttempel, Friedrich-Ebert-Str. 177, Eintritt frei. Infos: www.festival-geks.de

Von Mark-Christian von Busse

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