„Museen müssen erlebbar sein“

Interview mit Hessens Kunstminister Boris Rhein

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Interessiert sich vor allem für Malerei und Musik: Hessens Wissenschafts- und Kunstminister Boris Rhein (CDU, 42) beim Gespräch in der Redaktion in Kassel.

Kassel. Bislang hat sich Boris Rhein in Hessen vor allem als Innenpolitiker einen Namen gemacht. Im Januar wurde der CDU-Politiker in der schwarz-grünen Landesregierung überraschend Minister für Wissenschaft und Kunst.

Im Interview versichert der 42-Jährige, dass ihm Kunst und die Museumslandschaft Hessen Kassel besonders am Herzen liegen. Spartenschließungen an Theatern kann er jedoch nicht ausschließen.

Herr Rhein, vor zwei Jahren waren Sie zum ersten Mal auf einer documenta und sofort begeistert. Wie sind in Ihrem neuen Ministerium Ihre Interessengebiete gelagert? 

Boris Rhein: In meinem Ressort wird vieles vom Hochschulbereich überlagert, für den wir mehr als 1,5 der 2,2 Milliarden Euro aus dem Etat zur Verfügung haben. Für Kunst und Kultur bleibt also weniger Geld übrig. Trotzdem möchte ich diesen Bereich besonders gestalten. Nicht zuletzt, weil ich ein Faible für Kunst und Kultur habe, insbesondere für Malerei und Musik.

Es gibt den Wunsch, dass sich das Land bei der Trägerschaft für das documenta-Archiv engagiert, damit die Kunstschau zwischen den Ausstellungen präsenter in der Stadt ist. 

Rhein: Es geht um die Frage, wie wir die Schätze des Archivs für die Öffentlichkeit auch zwischen den Ausstellungen erlebbar machen können. Deshalb ist mein Ziel ein documenta-Institut. Das haben wir auch im Koalitionsvertrag formuliert. Wir sind darüber in guten Gesprächen mit der Stadt.

Gibt es da eine zeitliche Perspektive? 

Rhein: Es wäre ein Fehler, jetzt schon ein Datum zu nennen. Wir sind alle begeistert von der Idee, aber es geht eben auch ums Geld. Wir wollen bis 2019 zum ersten Mal seit 50 Jahren einen ausgeglichenen Haushalt vorlegen. Das darf man nicht ausblenden.

Viele Kulturinstitutionen fürchten die Schuldenbremse, weil sie ihnen noch viele Einschnitte abverlangen wird. Wie sehen Sie die Situation an den hessischen Staatstheatern, wo im Moment 90 Prozent der Tariferhöhungen vom Land übernommen und die restlichen 10 Prozent von den Theatern eingespart werden müssen? 

Rhein: Wir versuchen, Tarifsteigerungen so lang wie möglich abzufangen. Ich weiß aber nicht, wie lang wir das schaffen. In diesen finanziell angespannten Zeiten kann man für nichts eine Garantie abgeben. Wir werden unsere Prioritäten in einem Landeskulturkonzept festhalten. Es geht um Fragen wie: Was haben wir bislang gefördert? Was müssen wir in Zukunft fördern und was nicht? Daraus ergeben sich weitere Diskussionen - etwa die, ob wir uns an allen Theatern alle Sparten leisten können.

Gibt es Unterschiede bei den drei hessischen Staatstheatern? 

Rhein: Im Rhein-Main-Gebiet wird die Diskussion anders geführt als in Nordhessen. Die Frankfurter empfinden es als ungerecht, dass es in Darmstadt, Wiesbaden und Kassel Staatstheater gibt, während sie ihre Kultureinrichtungen alle selbst finanzieren müssen. Dabei ist klar, dass die finanzielle Situation im Rhein-Main-Gebiet ganz anders ist als in Nordhessen. Insoweit hat das Land eine Verpflichtung gegenüber dem Kasseler Staatstheater und auch gegenüber der Museumslandschaft Hessen Kassel, auf die wir stolz sein können.

Der Bergpark lockt als Welterbe die Massen an. Die Besucherzahlen der sanierten Neuen Galerie sind dagegen enttäuschend. Was muss man tun? 

Rhein: Sie sprechen einen wunden Punkt an. Wir haben die hervorragenden Landesmuseen in Darmstadt und Wiesbaden sowie die Museumslandschaft Hessen Kassel. Zusammen sind sie drei faszinierende Säulen der hessischen Kultur. Mir fehlt aber ein gemeinsames und landesweites Vermarktungskonzept, um die Museen erlebbar zu machen. Als ich Kind war, waren Museen langweilig. Heute sind sie ganz anders. Die Leute wollen in kürzester Zeit immer mehr erleben. Deshalb hat etwa Max Hollein mit dem Frankfurter Städel und der Schirn so großen Erfolg. Er ist ein Meister der Vermarktung, von dem wir viel lernen können. Kassel hat die drittgrößte Museumslandschaft in Deutschland. Die Galerie Alte Meister ist Kunst in voller Opulenz. Genau das müssen wir auch offensiv zeigen.

Wie es mit dem Tapetenmuseum weitergehen soll, weiß derzeit niemand. Haben Sie da eine Vorstellung? 

Rhein: Das ist ein schwieriges Thema - auch deshalb, weil die Leihgabe an die Bedingung geknüpft ist, dass die Sammlung entsprechend repräsentativ ausgestellt wird. Grundsätzlich spitzt sich die Entscheidung auf zwei Möglichkeiten zu: Entweder wir bauen am Weinberg, was die Stadt bevorzugt, oder wir gehen in die Torwache, wofür historische Gründe sprechen. Allerdings wird der Sitzungssaal dort nicht vor 2016 geräumt.

Zur Person

Geboren: am 2. Januar 1972 in Frankfurt

Ausbildung: Jura-Studium in Frankfurt. Seinen Zivildienst leistete Rhein in einem Wohnheim für Schwerbehinderte. Danach arbeitete er als Rechtsanwalt.

Politik: Rhein trat 1990 in die Junge Union ein. 1999 wurde der CDU-Politiker hessischer Landtagsabgeordneter. Nach seiner Tätigkeit als Dezernent im Frankfurter Rathaus wurde er 2009 Staatssekretär im Innenministerium von Volker Bouffier und ein Jahr später dessen Nachfolger. 2012 unterlag er bei der Wahl zum Frankfurter Oberbürgermeister. Seit Januar ist er Minister für Wissenschaft und Kunst.

Privates: Der Hobby-Musiker, der das Waldhorn spielt, lebt mit seiner Frau und zwei Söhnen in Frankfurt. (mal)

Von Werner Fritsch, Mark-Christian von Busse, Bettina Fraschke und Matthias Lohr

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