NSA-Enthüller Edward Snowden erhält Kasseler Bürgerpreis „Glas der Vernunft“

Für die Jury: Prof. Hansjörg Melchior (links) und Dieter Mehlich. Foto: Fritsch

Kassel. Dieser Preisträger wird nicht allen gefallen: Edward Snowden (32), der ehemalige Geheimdienst-Mitarbeiter, der den NSA-Skandal aufdeckte, erhält in diesem Jahr „Das Glas der Vernunft“.

Das gab Dieter Mehlich, der stellvertretende Vorsitzende der Gesellschaft der Freunde und Förderer des Kasseler Bürgerpreises gestern vor der versammelten Presse im Kasseler Rathaus bekannt.

Snowden, der wohl bekannteste Whistleblower der Welt, habe über seinen Berliner Anwalt signalisiert, dass er sich über den Preis freue und ihn gern annehme, sagte Mehlich, fügte aber hinzu, dass eine Teilnahme Snowdens an der Preisverleihung am 25. September in Kassel faktisch ausgeschlossen sei.

Mehlich und der Initiator des Bürgerpreises, der Kasseler Mediziner Prof. Hansjörg Melchior, betonten, die Entscheidung für den 26. Preisträger sei lange diskutiert und dann im Konsens getroffen worden. Snowden habe durch seine Enthüllungen der NSA-Überwachungspraktiken ein völlig neues Bewusstsein geschaffen. „Edward Snowden hat uns aufmerksam gemacht auf die Gefahren einer ungezügelten Datennutzung und Datenspeicherung“, heißt es in der Jury-Begründung. Er habe eine Diskussion darüber ausgelöst, was Staaten dürfen und wie weit sie gehen dürfen, wenn die individuellen Freiheiten tangiert sind. Für Snowden sind die Grundrechte durch die Geheimdienstpraktiken quasi aufgehoben.

Mehlich betonte, es bestehte kein Zweifel, dass Staaten in einer unruhig gewordenen Welt voller terroristischer Gefahren auch Daten sammeln müssten. Es handele sich dabei um einen Zielkonflikt: „Wir wollen geschützt werden, aber wir wollen nicht grenzenlos überwacht werden.“

Mehlich verwies darauf, dass Snowden kein Hasardeur sei, sondern seinem Gewissen gefolgt sei. Mit seinen Enthüllungen sei er ein hohes persönliches Risiko eingegangen, und er sei sich der Konsequenzen seines Handelns bewusst gewesen. Sollte Snowden, der im russischen Exil lebt, an die USA ausgeliefert werden, könnte ihn dort die Todesstrafe wegen Landesverrats drohen.

Zwar wird Edward Snowden nicht an der Preisverleihung am 25. September im Kasseler Opernhaus teilnehmen können. Doch er wird dort prominente Fürsprecher finden. Als Festredner hat Heribert Prantl, Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung, zugesagt, die Laudatio wird der Jurist und Schriftsteller Bernhard Schlink („Der Vorleser“) halten. Die Trophäe, eine vom Künstler Karl Oscar Blase entworfene Glas-skulptur, soll Snowden nach Möglichkeit in Russland persönlich übergeben werden.

Zur Person

Edward Snowden (32) wurde in Elizabeth City im US-Bundesstaat North Carolina geboren. Ein Informatik-Studium unterbrach er, um zur Armee zu gehen. 2005 ging er als IT-Techniker zur CIA. 2009 wechselte er zu der Beratungsfirma Booz Allen Hamilton, die im Auftrag des Geheimdienstes NSA an der Internet-Überwachung beteiligt war. Später erklärte er: „Ich erkannte, dass ich Teil von etwas geworden war, das viel mehr Schaden anrichtete als Nutzen brachte.“

Snowden hatte Zugriff auf geheime Dokumente und soll 1,7 Millionen Daten auf USB-Sticks gespeichert haben. 2013 setzte er sich nach Hongkong ab, wo er die geheimen Dokumente zunächst an die Washington Post und an den britischen Guardian verschickte. Snowden wird von den USA mit Haftbefehl gesucht und lebt derzeit in Russland an einem unbekannten Ort im Exil.

Hintergrund: Das Glas der Vernunft 

Der Bürgerpreis „Das Glas der Vernunft“ wurde 1990 von Bürgern der Region Kassel vor dem Hintergrund des Falls des Eisernen Vorhangs gegründet. Der Preis wird jährlich an Personen oder Institutionen vergeben, die sich in besonderer Weise um Überwindung ideologischer Schranken verdient gemacht und sich für Vernunft und Toleranz gegenüber Andersdenkenden eingesetzt haben. Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert.

Dazu wird eine von dem documenta-Künstler Karl Oskar Blase geschaffene Prismen-Skulptur überreicht. Der Preis und die Preisverleihung werden ausschließlich aus privaten Spenden finanziert. Zu den 25 bisherigen Preisträger zählen Lord Yehudi Menuhin (1993), Joachim Gauck (2009), Ai Weiwei (2010) und Avi Primor (2015). (w.f.)

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