Pionier der Alten Musik: Der Dirigent Nikolaus Harnoncourt starb 86-jährig

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Eine große Persönlichkeit der klassischen Musik ist tot: Nikolaus Harnoncourt (1929-2016).

Im vergangenen Dezember hatte Nikolaus Harnoncourt seinen Rückzug aus dem aktiven Musikleben verkündet. Seine körperlichen Kräfte geböten ihm diesen Schritt, ließ der große Dirigent damals verlauten. Am Samstag ist Harnoncourt im Alter von 86 Jahren in Wien gestorben – nur ein Vierteljahr nach seinem Abschied aus der Öffentlichkeit,

Er sei friedlich im Kreise der Familie entschlafen, teilte sein Sohn Philipp gestern mit. „Trauer und Dankbarkeit sind groß“. Ein Satz, der wohl für unzählige Klassikfreunde gilt. Denn Harnoncourt war eine der kreativsten und einflussreichsten Persönlichkeiten in der Welt der klassischen Musik.

Wie kaum ein anderer hat der in Berlin geborene Österreicher unser Verständnis vom Musikmachen verändert, indem er begann, die Musik der Barockzeit anders aufzuführen als gewohnt. Damals, in den 60er-Jahren, hieß das „historische“, heute „historisch informierte“ Aufführungspraxis, und sie hat sich weit über das Spielen mit alten Instrumenten und über den Bereich der Barockmusik hinaus etabliert.

Geboren wurde Harnoncourt, der mit vollem Namen Johannes Nicolaus Graf de la Fontaine und d’Harnoncourt-Unverzagt hieß, am 6. Dezember 1929 als Spross eines alten Adelsgeschlechts. Seinen Vornamen Nikolaus verdankte er seinem Geburtsdatum. Allerdings verzichtete Harnoncourt, der seine Karriere als Cellist der Wiener Symphoniker begann, schon früh auf sämtliche Titel.

1958 gründete Harnoncourt zusammen mit seiner Frau, der Geigerin Alice Harnoncourt, das Barockensemble „Concentus Musicus“. Man spielte nun mit alten Instrumenten, die Streicher mit Barockbögen und Darmsaiten. Harnoncourt verstand Musik im Sinne alter Theorien als „Klangrede“ und übte sich in völlig neuen Phrasierungen und Artikulationsweisen ein.

Harnoncourt dehnte seinen historisierenden Ansatz immer weiter aus, zunächst auf die Wiener Klassik von Haydn, Mozart und Beethoven, später auch auf die romantische Musik bis hin zu Bruckner. Anders als manche Nachahmer vermied der für seine Ruppigkeit bekannte Musiker jedoch jeglichen Dogmatismus beim Musizieren.

Zuletzt war Harnoncourt ein weltweit geschätzter Gastdirigent vieler großer Orchester und Opernhäuser. Seine Plattenaufnahmen sind kaum zu zählen – und sie stellen nun ein einzigartiges Vermächtnis dar. Wer darüber hinaus das Glück hatte, ihn im Konzert zu erleben, wird das nicht vergessen.

Die Stadt Graz widmete Harnoncourt ein eigenes Festival, die Styriarte, das wohl fortgeführt werden dürfte. Am Salzburger Mozarteum lehrte Harnoncourt bis 1992 Aufführungspraxis. Bis zuletzt blieb Harnoncourt aufgeschlossen gegenüber neuen Erfahrungen. So hat er noch im vergangenen Jahr mit dem chinesischen Pianostar Lang Lang (33) ein spannendes Mozartalbum produziert.

Von Harnoncourts vier Kindern sind zwei künstlerisch tätig: die Mezzosopranistin Elisabeth von Magnus und der Regisseur Philipp Harnoncourt.

Weltweit ist die Nachricht vom Tode Harnoncourts mit Trauer und großem Respekt aufgenommen worden. Der Intendant des Wiener Musikvereins, Thomas Angyan, brachte es so auf den Punkt: „Eine Ära ist zu Ende gegangen.“

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