Pudelwohl bei der Premiere: Strauss-Operette „Die Fledermaus“

Du wagst es, mir Vorwürfe zu machen? Hulkar Sabirova (Rosalinde) und Marian Pop (Eisenstein).
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Du wagst es, mir Vorwürfe zu machen? Hulkar Sabirova (Rosalinde) und Marian Pop (Eisenstein).

Kassel. Es bleibt alles im Rahmen bei der Kasseler Neuinszenierung der Strauss-Operette „Die Fledermaus“. Im Bilderrahmen. Zur Ouvertüre wird in scherenschnittartigen Szenen die Vorgeschichte gezeigt: Wie Dr. Falke sich im Fledermauskostüm unsterblich blamiert - und es Freund von Eisenstein, der ihm dies einbrockte, heimzahlen will.

Man sieht Bilder einer alten Gesellschaft, einen besoffenen Nachtwächter, eine Kutsche, und – zur Gaudi des Premierenpublikums – Damen mit vier echten weißen Pudeln.

Der Pudel ist das Maskottchen der Inszenierung von Volker Schmalöer. Beim Fest des Prinzen Orlofsky beherrscht eine riesige Pudelfigur die von Lars Peter gestaltete Bühne. Der Pudel als Symbol des zur nutzlosen Spielerei gewordenen Haustiers. Und am Ende stehen ja auch so ziemlich alle Mitglieder dieser amüsierwütigen Gesellschaft wie die begossenen Pudel da.

Der Bilderrahmen bleibt, doch mit dem ersten Akt befinden wir uns in einem Comic. Gabriel von Eisenstein (Marian Pop), seine Frau Rosalinde (Hulkar Sabirova) und das Stubenmädchen Adele (LinLin Fan) sind aufwändig geschminkte Kunstfiguren mit skulpturartigen Frisuren und stilisierten Kostümen - ein Kunstwerk von Maske und Kostümbildner Andreas Janczyk.

Wie in Comics üblich, überzeichnen die Figuren. LinLin Fan heuchelt als Adele laut schluchzend Schmerz über ihre angeblich kranke Tante, und Marian Pop gockelt als von Eisenstein so herum, wie es nur im Comic funktioniert.

In dieser Gesellschaft tragen alle ihre Maske, nicht nur diejenigen, die inkognito auf einen Ball streben. Allerdings ist die „Fledermaus“ keine reine Satire, und die Kunst der Darsteller ist es, über die Comiczeichnung hinaus als Charaktere erkennbar zu werden.

Wunderbar gelingt dies Hulkar Sabirova, die stimmlich brillant eine temperamentvolle, mit allen Wassern gewaschene, aber auch verletzliche Rosalinde verkörpert. Als quicklebendiger, beredter von Eisenstein war ihr Marian Pop mit feinem Bariton ein ebenbürtiger Widerpart. In dieser künstlichen Welt die abgedrehteste Figur zu sein, ist nicht leicht. Maren Engelhardt gibt den Prinzen Orlofsky als rosarote Fantasy-Rokokofigur zwischen nervöser Entrücktheit und peitschenbewehrter Handfestigkeit.

Die beste Katerszene der Operettengeschichte bietet der dritte „Fledermaus“-Akt im Gefängnis. Brillant, wie Schmalöer dazu die Erinnerungsnebel ans vergangene Fest quasi im Oberstübchen ablaufen lässt. Außerdem gibt’s urkomische alkoholinduzierte Action, etwa von Bernhard Modes als Gefängniswärter Frosch, dessen satirische Einlage in purem Kasseläner Slang dem Dirigenten Patrik Ringborg gilt: „Skol, alter Schwede!“

Der dirigiert Strauss’ Hitabfolge zwar durchaus schmissig, widmet sich aber auch den Feinheiten der Partitur und vermeidet, passend zum ins Delirium gleitenden Bühnengeschehen, alle Grobheiten. Er kann sich dabei auf das durchweg auf hohem Niveau agierende Ensemble verlassen, zu dem auch der präsente Opernchor und die eleganten Tänzer zählen.

Das Premierenpublikum im ausverkauften Opernhaus jedenfalls fühlte sich pudelwohl und spendete reichlich Beifall.

Wieder am 9., 23. 30.11., Karten: Tel. 0561 / 1094-222.

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