Uwe Timm wird 75

Schriftsteller, 68er und Erfinder von Rudi Rüssel

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Schriftsteller Uwe Timm wird am 30. März 75 Jahre alt.

München - Die Studentenbewegung, Beziehungen oder die eigene Familie: Der Schriftsteller Uwe Timm zeichnet in seinen Büchern politische und private Milieus nach. Sein Werk zählt zu den bedeutendsten der deutschen Gegenwartsliteratur.

Als Chronist der Studentenbewegung hat sich Uwe Timm in den 70er Jahren einen Namen gemacht. Auch mit dem Nationalsozialismus und der Kolonialvergangenheit hat sich der Schriftsteller intensiv auseinandergesetzt. Inspiriert sind seine Bücher häufig von eigenen Erfahrungen und Erlebnissen enger Familienangehöriger. Am Montag (30. März) wird Timm, der auch mehrere Kinder- und Drehbücher geschrieben hat, 75 Jahre alt. Rechtzeitig zu seinem Ehrentag ist sein neuestes Buch erschienen, der Essayband „Montaignes Turm“.

Seinen ersten Erfolg erzielte der 68er-Aktivist und Ohnesorg-Freund mit dem Roman „Heißer Sommer“ (1974), einem Zeugnis der Studentenrevolte. Auch in „Kerbels Flucht“ (1980) und „Rot“ (2001) griff Timm die 1960er Jahre auf und verband dabei politische mit persönlichen Erfahrungen. Er befasse sich in seinen Büchern mit Fragen, „die mich umtreiben“, erzählte er einmal in einem Interview. Empörung sei dabei wie ein Kraftstoff. Immer wieder griff er schwierige, verdrängte Themen der deutschen Geschichte auf, wie die Kolonialzeit in „Morenga“ (1978) oder die Auseinandersetzung mit der Rolle der eigenen Familie im Nationalsozialismus.

So näherte sich Timm in der autobiographischen Erzählung„Am Beispiel meines Bruders“ (2003) seinem Bruder literarisch an. Der hatte sich als 16-Jähriger freiwillig zur SS-Totenkopfdivision gemeldet und starb 1943 in einem Lazarett in der Ukraine.

Immer wieder sind es Beziehungen zu Mitmenschen, die Timm zu seinen Werken inspiriert haben. Seinem Großonkel setzte er mit seiner Familienlegende „Der Mann auf dem Hochrad“ (1984) ein literarisches Denkmal. Seine enge Freundschaft zu dem Studenten Benno Ohnesorg, der 1967 bei einer Demonstration in Berlin erschossen wurde, verarbeitete Timm in der Erzählung „Der Freund und der Fremde“ (2005). Ohnesorg und er hatten sich am Braunschweig-Kolleg kennengelernt, wo sie das Abitur nachholten.

Vom Kürschner zum Erfolgsautor

Der Weg zum Schriftsteller war für den gebürtigen Hamburger nicht vorgezeichnet. Er machte eine Lehrer zum Kürschner und übernahm nach dem Tod des Vaters den elterlichen Betrieb. Ausgerechnet eine Schwäche bei der Rechtschreibung hatte ihn zur Literatur gebracht. Zu schreiben war für den Schüler wie eine Trotzreaktion. „Schon mit 12 wollte ich einen Roman schreiben“, erinnerte sich Timm später. Er entschied sich für die Schriftstellerei. Studium und Promotion führten ihn nach München und Paris. 1971 ließ sich Timm als freier Schriftsteller nieder.

Zuvor, in den Jahren 1967/68, war er im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) aktiv, dem auch die Galionsfigur der 68er, Rudi Dutschke, angehörte. Als Mitbegründer der „Wortgruppe München“ war Timm in den 1970er Jahren Mitherausgeber der Autoren-Edition und der Zeitschrift „Literarische Hefte“.

"Die Leser sollen ja nicht einschlafen"

Auch wenn viele seiner Bücher einen politischen und gesellschaftskritischen Impetus haben, hat Timm es immer auch verstanden, seine Leser zu unterhalten. „Ich will ja nicht, dass sie einschlafen.“ Seine Novelle „Die Entdeckung der Currywurst„ (1993) wurde in 20 Sprachen übersetzt und im Jahr 2008 - wie viele seiner anderen Werke auch - verfilmt. Sein jüngster Roman, „Vogelweide“ (2013), stieß bei Kritiker jedoch auf weniger Wohlwollen.

Auch Drehbücher stammen aus der Feder Timms, etwa für „Die Bubi Scholz Story“ sowie vier Kinderbücher. Für das bekannteste, „Rennschwein Rudi Rüssel“, erhielt er 1990 den Deutschen Jugendliteraturpreis - eine von vielen weiteren Auszeichnungen für sein Werk. Gewidmet hat er die vier Bücher seinen vier Kindern. Weitere Kinderbücher will er nicht schreiben: „Es war wunderbar. Für jedes Kind ist etwas Spezifisches entstanden. Damit ist es aber auch getan.“

Seit vielen Jahren lebt er mit seiner Frau, der Literaturkritikerin und Übersetzerin Dagmar Ploetz, in München. Zur Ruhe hat er sich auch mit fast 75 Jahren noch nicht gesetzt. Der Autor schreibt, engagiert sich, bringt sich ein. So im vergangenen Sommer, als er mit 1100 anderen deutschsprachigen Schriftstellern ein Protestschreiben an den US-Versandhändler Amazon unterzeichnete. Timms neuestes Buch „Montaignes Turm“ umreißt in Essays das vielfältige Spektrum seines Schaffen.

dpa

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