Sinfonische Entdeckungen

Yoel Gamzou und Staatsorchester Kassel begeistern mit selten gespielten Werken

Wurden bejubelt: Das Staatsorchester Kassel und Dirigent Yoel Gamzou. Foto: Fischer

Kassel. Niemand wäre verwundert gewesen, wenn bei George Enescus Rumänischer Rhapsodie Nr. 1 Menschen aufgestanden wären und begonnen hätten zu tanzen.

Das 1901 entstandene Orchesterstück des rumänischen Komponisten steigert die verwendeten folkloristischen Themen und Rhythmen in einen musikalischen Rausch. Frei in den Tempi und grellfarbig instrumentiert, nimmt dieses Stück immer neue Anläufe und endet in sich überschlagender Raserei.

Es war ein umwerfender Beginn des Sinfoniekonzerts am Montag in der ausverkauften Stadthalle beim Wiedersehen mit dem Dirigenten Yoel Gamzou, der bis vergangenen Sommer Erster Kapellmeister in Kassel war. Und eine tolle Demonstration von Temperament und Virtuosität des Staatsorchesters.

Enescus Rhapsodie war das einzige Stück des Abends, das zuvor schon einmal in Kassel aufgeführt wurde. Denn Gamzou hatte Werke einer weitgehend vergessenen frühen Moderne abseits der Schönbergschule und der Avantgarde aufs Programm gesetzt. Wie tief diese Musik berühren kann, wenn sie mit Begeisterung und innerer Überzeugung aufgeführt wird, das zeigte dieser außergewöhnliche Konzertabend.

Es ist das Schicksal wenig bekannter Komponisten, dass ihre Musik oft mit der berühmterer Zeitgenossen verglichen wird. Bei Erwin Schulhoffs (1894-1942) erster Sinfonie von 1925 könnte man beim ersten Satz mit hohlen (terzlosen) Harmonien und seiner Motorik an Strawinsky denken. Doch Schulhoff hat sein Werk zwölf Jahre und einen Weltkrieg später komponiert als Strawinsky seine Skandalmusik „Le sacre du printemps“. Wildheit ist hier gnadenloser Ernst und kulminiert in Perkussionsexzessen, die an Maschinengewehrsalven erinnern – so auch im Finale. Die schräge Idylle des zweiten Satzes erweist sich dagegen als fragil.

Ungebrochen erscheint die romantische Welt dagegen in Wilhelm Furtwänglers Ouvertüre Es-Dur von 1899 – dem Geniestreich eines 13-Jährigen! Reizvolle Streicher-Bläserkontraste, interessante thematische Gebilde, teils in extremen Lagen, und gekonnte kompositorische Verdichtungen zeichnen die manchmal auch etwas ungelenke Komposition aus. Und man versteht, weshalb sich Furtwängler als dirigierender Komponist sah – und nicht als komponierender Dirigent.

Ein großer Verkannter ist Karl Amadeus Hartmann (1905-1963). Dass Gamzou der Urfassung von dessen „Sinfonia tragica“ (1943) die Introduktion der später daraus entstandenen 3. Sinfonie voranstellte, war eine brillante Idee: Die Einleitung von Pauken und Solo-Kontrabass, die stufenlos in ein Streichquartett und dann in den vollen Streichersatz übergeht, ist ein sinfonisches Ereignis. Auf das sich anschließende episodenreiche (und stellenweise an Mahler erinnernde) Adagio folgt ein Allegro-Finale, das die Vortragsbezeichnung „Tumultuoso“ redlich verdient und eine ganz eigene Mischung aus Höllenritt und großem Kino darstellt.

Engagement und spielerische Klasse: Das Staatsorchester zeigte sich unter Gamzous engagierter Leitung von seiner besten Seite, und das Publikum bedankte sich bei Dirigent und Musikern mit lautem Jubel und rhythmischem Klatschen.

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