Spießer außer Rand und Band:

Die Kasseler Caricatura würdigt Gerhard Glück

+
„Seit Stunden warten die Timmelmanns auf einen Vesuvausbruch.“ Fotos: Caricatura/Lappan

Kassel. Seine Cartoons erinnern oft an den großen Humoristen Loriot. Zum 70. Geburtstag würdigt die Caricatura den Kasseler Zeichner Gerhard Glück mit einer sehenswerten Ausstellung im Kulturbahnhof.

Die Caricatura in Kassel richtet dem gerade 70 gewordenen Kasseler Cartoonisten und Illustrator Gerhard Glück eine mit 249 Exponaten überaus üppige Werkschau aus - morgen wird die Ausstellung eröffnet.

Sie ist ein umfassender Rückblick auf ein ganzes Lebenswerk, von frühen Zeichnungen für diese Zeitung, die den Beginn von Glücks Karriere markieren, über Illustrationen, Cartoons, Plakate, lustige Objekte und Fotos für den Privatgebrauch, die erstmals gezeigt werden, bis zum Blick auf Glücks Arbeitsweise: Gezeigt wird, wie aus einer ersten Skizze ein Buchcover wird.

Manchmal erinnern Glücks wunderbare Cartoons an Loriot, den größten deutschen Humoristen vergangener Jahrzehnte. Wenn es unter dem Glück’schen Bild eines bieder aussehenden Paars im Restaurant (er hat den Mund grotesk verzerrt) heißt: „Erich Rollmopser demonstriert seiner Frau, wie schrecklich manche Tiefseefische aussehen“, könnte Loriots Streit um den berühmten Kosakenzipfel an einem Nachbartisch stattfinden.

Unauffällige, brave, ja langweilige Charaktere, die in verschrobenen Routinen erstarrt sind, die vor Fährnissen und Herausforderungen des Alltags kapitulieren (schon diese Darstellungen sind sehr lustig!) - bei beiden Meistern der Komischen Kunst fallen diese skurrilen Spießerfiguren aus heiterem Himmel aus der Rolle. Dann verselbstständigt sich etwas, ist nicht mehr zu halten, und auch daraus resultiert Komik - genauso, wenn das Erhabene plötzlich lächerlich wird.

Bei Loriot balgen sich die befreundeten Ehepaare Hoppenstedt und Pröhl urplötzlich um ein „Mokka-Trüffel-Parfait mit einem Zitronencreme-Bällchen“, bis sie „Jodelschnepfe“ und „Winselstute“ rufen. Bei Gerhard Glück heult der Ehemann auf einmal wie ein Wolf („ab und zu demonstriert Hartmut Pieper seiner Frau, dass er das Leittier ist“), ein erwachsener Mann steht mit weißer Totenkopf-Maske versteckt hinter einer Tür („Um seine herzkranke Mutter etwas aufzuheitern, empfängt Horst sie öfter mit einem kleinen Scherz“), und selbst Gartenzwerge, Sinnbild von Spießigkeit, führen ein lustvolles heimliches Eigenleben.

Nur: Selbst wer aus seinem Leben fliehen will, indem er etwa auf einer Lichtung im hohen Bogen die Kleidung von sich wirft, muss eine Schlappe erleben: „Alfred Freyschmidts konsequente Flucht aus der Zivilisation scheiterte letztlich an seiner unverzichtbaren Brille.“ Eigentlich sind viele von Glücks Helden einsame, irgendwie in sich gefangene arme Tröpfe.

Ohne den Vergleich überstrapazieren zu wollen: Auch die Genauigkeit der Beobachtung wie der Ausführung erinnert an Loriot. Glück schludert nicht. „Stets perfekt, stets treffend, die Beweiskette ist lückenlos“, sagt Caricatura-Geschäftsführer Martin Sonntag und rühmt Glücks Liebe zum Detail, seine fundierte Ausbildung, Vielseitigkeit, den Mut, auch Abwegiges umzusetzen.

Bernd Küster, Direktor der Museumslandschaft Hessen Kassel, hebt Glücks „altmeisterliche Qualität und Präzision“ hervor. Man wird sie ab September auch im Museum Schloss Wilhelmshöhe in der Nähe der Alten Meister bewundern können, wenn eine zweite Ausstellung beginnt, „Kunst & Co.“ Welch ein Glück.

Service: Die Gerhard-Glück-Retrospektive „Auch das noch!“ wird am Freitag, 18. Juli, 19.30 Uhr, eröffnet. Laudatio: Christian Saehrendt, mit Musik von Kurz und Bündig. Bis 2. November,

geöffnet Di bis Fr 14-20 Uhr, Sa/So/Feiertage 12-20 Uhr. Führungen So 15 Uhr und für Gruppen n.V., Tel. 0561/776499. Eintritt 4/3 Euro. www.caricatura.de

Das Katalogbuch (124 S., 16 Euro) ist im Lappan-Verlag erschienen, der eine ganze Reihe von Gerhard-Glück-Titeln im Programm hat.

Vom 5. November bis 15. Januar ist im Museum Schloss Wilhelmshöhe die Gerhard-Glück-Ausstellung „Kunst & Co.“ zu sehen. Eine weitere Ausstellung wird es im Kasseler Rathaus geben, weil Gerhard Glück die Ehrennadel der Stadt Kassel erhalten soll.

Von Mark-Christian von Busse

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren: Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.