Theater für das genaue Hinsehen: DT in Göttingen stellt Programm vor

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Engagiert: Das Deutsche Theater in Göttingen residiert im Stadtzentrum am Wall.

Göttingen. Auf dem Spielplan für die kommende Saison stehen Klassiker, aber auch viele neue Stücke mit regionalem Bezug

Erich Sidler

Demokratie darf nie als sicher betrachtet werden. Sie ist stets neu zu erkämpfen. Das war die zentraleBotschaft des Intendanten Erich Sidler bei seiner gestrigen Vorstellung des neuen Spielplans für das Deutsche Theater in Göttingen. Angesichts drängender Themen wie Flucht, Migration, Terror und Nationalismus wolle man als Theater helfen, den Blick zu weiten für eine genauere Betrachtung dieser gar nicht neuen Konflikte. Nur so könne man den „kurz gedachten Lösungsansätzen“ der derzeit erstarkenden Populisten etwas entgegensetzen.

Der Göttinger Intendant und sein Team haben deshalb einen außerordentlich politischen Spielplan zusammengestellt, ganz neue Stücke finden sich darauf ebenso wie Klassiker, die auf ihre gesellschaftliche Brisanz im Heute hin gelesen werden.

Ein Schwerpunkt ist die Aufarbeitung regionaler und Göttinger Themen. „Peak White - Wirr sinkt das Volk“ ist ein Stück von Kevin Rittberger, das sich mit Burschenschaften, ihrer Tradition, Vorurteilen über sie und ihrem Verhältnis zur deutschen Kultur beschäftigt und in Zusammenarbeit mit dem Theater in Heidelberg entwickelt wird, wo es ebenfalls viele schlagende Verbindungen gibt. In „Arisierung“ schreibt Gesine Schmidt über die Judenverfolgung in Göttingen. Auch das Jugendstück „Kindheit in der NS-Zeit“ von Gernot Grünewald spielt in der entsprechenden Epoche.

Die Göttinger Wissenschaftlerin Sofia Kowalewskaja steht im Zentrum der Stückentwicklung „Sofia“ von Anne Jelena Schulte. Anhand der Auseinandersetzung mit der brillanten Mathematikerin (1850 - 1891), die drei Dissertationen gleichzeitig eingereicht hatte, wird auch die Frage nach Arbeitsmöglichkeiten für Frauen in den Naturwissenschaften gestellt. Nicht zuletzt hat auch das Weihnachtsstück einen Göttinger Bezug: Jürgen Popig schreibt in „Gänseliesel träumt“ ein Märchen über das städtische Wahrzeichen.

Auf der Seite der Klassiker geht es um die Wechselwirkung verschiedener gesellschaftlicher und politischer Konzepte, etwa in Friedrich Schillers „Don Karlos“, wo das Verhältnis von politischem Pragmatismus zur Utopie erörtert wird. In Sophokles’ „Antigone“ steht die Moral einer Einzelnen gegen das staatliche Rechtssystem, und in Friedrich Hebbels „Judith“ gibt es den zentralen Konflikt, ob das Töten eines Einzelnen gerechtfertigt ist, um ein Volk zu retten. Als Farce dröselt Alan Ayckbourn in „Familiengeschäfte“ die Themen Korruption und schwarze Kassen auf.

Auch in seiner dritten Spielzeit zeigt Sidler wieder zwei musikalische Produktionen, „das Gemüt soll nicht zu kurz kommen“. Saisoneröffnung ist mit Ralph Benatzkys schrägem Singspiel „Im weißen Rössl“, später bürsten die Tiger Lilies in der Oper „Shockheaded Peter“ den Struwwelpeter gegen den Strich.

Dazu kommen viele kleine, auch an anderen Spielorten gezeigte Produktionen.

Premieren

Großes Haus DT-1 

10. September: „Im weißen Rössl“, Singspiel von Hans Müller, Erik Charell, Ralph Benatzky und Robert Gilbert

24. September: „Mein Kampf“ von George Tabori

30. September: „Peak White oder Wirr sinkt das Volk“, Uraufführung von Kevin Rittberger

28. Oktober: „Gänseliesel träumt“, UA von Jürgen Popig

5. November: „Familiengeschäfte“ von Alan Ayckbourn

19. November: „Don Karlos“ von Friedrich Schiller

30. Dezember: „Ein Blick von der Brücke“ von Arthur Miller

14. Januar: „Arisierung“, Uraufführung von Gesine Schmidt

25. Februar: „Judith“ von Friedrich Hebbel

11. März: „Shockheaded Peter“, Junk-Opera von Julian Crouch, Phelim McDermott und The Tiger Lillies

22. April: „Geächtet“ von Ayad Akhtar

6. Mai: „Ein Monat auf dem Lande“ von Iwan Turgenjew

Studiobühne DT-2 

14. September: „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ von Edward Albee

18. November: „Irrungen, Wirrungen“ von Theodor Fontane

22. Dezember: „Sofia“, Uraufführung von Anne Jelena Schulte

11. Februar: „Kindheit in der NS-Zeit“, Uraufführung von Gernot Grünewald

23. Februar: „Antigone“ von Sophokles

13. April: „Das kleine Pony“, deutschsprachige Erstaufführung von Paco Bezerra

www.dt-göttingen.de

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