Theater-Uraufführung: Selig mit den alten Parolen

Im Altenheim: Nikolaus Kühn (Etsch, von links), Gabriel von Berlepsch (Pflegeroboter Atlanta), Andrea Strube (Pflegerin Amsel im Mistkäfer-Kostüm) und Florian Eppinger (Elsass). Foto: Müller

Am DT in Göttingen werden in „Peak White oder Wirr sinkt das Volk" Ewiggestrige vom Roboter gepflegt

Göttingen. Aus der Demenz tauchen die alten Männer nur auf, wenn sie durch nationalistische Sprüche geweckt werden. Kauerten sie eben noch wie sediert in ihren Rollstühlen, baut sich durch die alten Parolen sofort wieder Körperspannung auf. „Wir sind Elite – unter uns Gewürm“, skandieren sie, und „Deutschland, erwache!“. Im Heim für altgewordene Burschenschafter nutzt die Pflegerin diesen Effekt für ihre Erinnerungsübungen, stachelt die Herrschaften mit Heimatliedern so lange auf, bis sie „Theater, Fernsehen, Presse – allen auf die Fresse“, brüllen und sich an jene gloriosen Zeiten erinnern, als Mitte der 2010er-Jahre Rechtspopulisten, Migranten- und Schwulenablehner im Land Oberwasser hatten. Auf jeden Fall in ihrer Eigenwahrnehmung

Theaterautor Felix Rittberger entwirft eine von uns vielleicht 30 Jahre entfernte Zukunft, in der vier Pegida-Parolen-Brüller, und nationalistische Welt-Simplifizierer die letzten Vertreter einer Ära der Dominanz der alten weißen Männer sind. In einem Pflegeheim sind sie unter sich. Dies ist das Ausgangsszenario für sein verstörendes, klasse vertracktes, aber thematisch auch recht überladenes Auftragsdrama „Peak White oder Wirr sinkt das Volk“. Das Deutsche Theater in Göttingen bringt es in einer Doppelpremiere mit dem Theater Heidelberg zur Uraufführung. In Göttingen gab es viel Applaus für den dichten 100-Minüter im nicht vollen Haus.

Regisseurin Katharina Ramser bringt Übersichtlichkeit in die vielen Themenfelder, indem sie die Handlung in einen vollkommen stilisierten Kontext rückt. Auf der weißen, leeren Bühne von Elisa Alessi (auch Kostüme) drehen die Elektrorollstühle schnurrend ihre Runden, es schwebt aber auch mal die als Mistkäfer verkleidete Pflegerin von der Decke herab. Und – eine wunderbar gruselige Idee – Kinder treten auf, die exakt so aussehen, wie die vier Alten, mit deren Trainingshose, Frotteeschlappen, Feinrippunterhemd und Uniformjacke. Die Gesichter sind bedeckt mit Altmänner-Masken, die an den kleinen Personen wirken wie aus einem Horrorfilm.

Florian Eppinger, Andreas Jeßing, Marco Matthes und Nikolaus Kühn geben wunderbar differenziert die vier Typen wieder, die in Fantasien einer ethnisch homogenen Welt schwelgen, in denen „Bimbos“, „Schlitzaugen“ oder Mandalas malende Lehrerinnen keine Rolle spielen. Immer wieder wenden sie sich direkt ans Publikum um etwa zu betonen, dass das Theater der letzte Ort sei, wo man sich noch selbst feiern könne, Türken blieben ja draußen.

Ergiebiger als Exkurse zu aktuellen Trends im Theater oder zu Defiziten des Verfassungsschutzes bei der Beobachtung der Naziszene ist der Handlungsstrang, in dem Pflegerin Amsel (Andrea Strube) durch Roboter Atlanta ersetzt wird. Gabriel von Berlepsch spielt ihn toll exaltiert, in der Körpersprache wie ein enger Verwandter der höflichen „Star Wars“-Figur C3PO. Immer, wenn rassistisch oder identitär salbadert wird, schreitet Atlanta ein. Der Roboter ist darauf progammiert, Unwahrheiten und Geschichtsklitterungen zu unterbinden. Das erzeugt zunächst ein Gegengewicht. Später aber befördert Atlanta die Ewiggestrigen ins Jenseits. Wenn der Roboter dann die radikalst mögliche Methode des Gleichschaltens von Ansichten vollzieht, handelt er plötzlich ähnlich Pluralitäts-verachtend, wie es die alten weißen Männer waren.

Wieder am 8., 21.10., Karten: 0551-496911. www.dt-goettingen.de

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