Dirk Kurbjuweit erzählt im Roman „Angst“ eine gespenstische Stalker-Geschichte

Vom Traum zum Albtraum

Dirk Kurbjuweit Foto:  dpa

Ein Gründerzeithaus in Berlin-Lichterfelde, Denkmalschutz, hohe Decken, Stuck, Türmchen, Erker, Gauben. Hier hat der 45-jährige Architekt Randolph Tiefenthaler mit seiner Familie - Rebecca sowie die Kinder Paul und Fee - im Hochparterre eine Eigentumswohnung erworben. Selbst bauen wollte er nicht, weil er nur zu gut weiß, wie die Wünsche nicht durch den Finanzrahmen passen. Die „Orgien des Abspeckens“ wollte er sich und den Seinen ersparen, weil er ein eher vorsichtiger Mensch ist. Dann lieber auf Nummer sicher gehen und „unsere bürgerliche Burg, unsere Altersversorgung“ hier installieren in diesem Traum für vier Parteien.

Der Nachbar backt Kuchen und Pizza und stellt es vor die Tür. Wenn er Rebecca kommen sieht - er sieht sie oft -, öffnet er mit dem Summer das Gartentor. Spätestens als dieser Herr ihr beim Wäscheaufhängen hinplaudert, dass der Slip an ihr bestimmt gut aussehen würde, driftet die Sache ins Unheimliche.

Im Fortgang wird aus dem Traum ein Albtraum werden. Herr Tiberius ist nicht der Besitzer der Wohnung unter ihnen, sondern ein Hartz-IV-Empfänger mit Kinderheimvergangenheit. Bald schreibt er einen Liebesbrief in richtiger Orthografie, was die Sache nicht besser macht, dann spannt er nachts vom Garten aus und legt Gedichte auf den Sims. Später beschuldigt er die Tiefenthalers des sexuellen Missbrauchs ihrer Kinder, zeigt sie an deswegen und mailt seine Unterstellung auch an RTL, Sat.1 und „Bild“.

„Spiegel“-Reporter Dirk Kurbjuweit, einer von Deutschlands renommiertesten Journalisten, hat einen Roman darüber geschrieben, dass recht haben und recht bekommen zwei paar Schuhe sind. Er erzählt diese gespenstische Stalker-Geschichte, die er aus eigenem Erleben kennt, in seinem sechsten Roman vom Ende her. Er erzählt sie sehr gut, plausibel, alles andere als eindimensional. So präpariert er im Windschatten von Kleists „Michael Kohlhaas“ und Kafka die Bedrängnisse, Anfechtungen und Versagensängste eines ebenso aufgeklärten wie machtlos schlaffen Mannes aus unserer Mitte mit seiner Mittelklasse-Ehe heraus. Er gibt dem introvertiert Selbstgenügsamen eine Biografie und macht glaubhaft, wie die Gräben der Besitzstandskriege durchs eigene Wohnzimmer verlaufen. Nicht mal von den Seinen weiß dieser skrupulöse Grübler mehr, ob sie noch Partner oder schon Gegner sind.

Für Tiefenthaler wird dieser leise sein Tun steigernde Herr Tiberius, „unser Untermensch“, zum Katalysator seines Gangs durch Instanzen, Behörden und eine Halbwelt, die andere Lösungen anbietet, als unser nur scheinbar rundum Sicherheit garantierender Rechtsstaat. Wir da oben, ihr da unten - das ist nur eine Konstellation dieses Falles, der ihn aus der Bahn wirft. Bis ein Schuss fällt und die Welt sich neu ordnet.

Dirk Kurbjuweit. Angst. Rowohlt Berlin. 254 Seiten, 18,95 Euro, Wertung: !!!!:

Von Ulrich Steinmetzger