Kopf-Kino mit Köpfchen

Film der Woche: "Alles steht Kopf" 

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Alarmstufe Rot: Das passiert im Kopf eines Menschen, der einen Wutanfall hat. Erlebt haben wir das alle schon – jetzt wissen wir auch, wie es währenddessen in unserem Hirn aussieht. 

Mit ihrem Pixar-Animationsfilm haben sich Pete Docter und Ronnie del Carmen selbst übertroffen: "Alles steht Kopf" ist brillantes Kopfkino. Lesen Sie hier die Kritik zu unserem Film der Woche.

„Was zum Teufel geht in diesem Kopf vor?“ Diese Frage hat sich bestimmt schon jeder von uns gestellt. Nun haben die kreativen Köpfe der Trickfilm-Schmiede Pixar, denen wir schon Meisterwerke wie „Findet Nemo“, „Ratatouille“ oder „Wall-E“ verdanken, einen ganzen Film darüber gemacht. Einen Film, wie man ihn noch nie zuvor gesehen hat: Er zeigt uns, wie Gefühle unser Erleben und unsere Erinnerungen kontrollieren – und entführt uns ins Hirn eines elfjährigen, pubertierenden Mädchens namens Riley.

Hier bemühen sich fünf Emotionen um einen ausgeglichenen Gefühlshaushalt: Freude, Kummer, Ekel, Angst und Wut. Während Rileys unbeschwerter Kindheit in Minnesota hatte Freude das Zepter geschwungen, doch als sich Riley durch den Umzug ihrer Familie nach San Francisco in einer völlig neuen Umgebung zurechtfinden muss, geraten die Gefühle in Aufruhr, und Kummer drängt sich plötzlich in den Vordergrund. Um Riley vor einem fatalen Fehler zu bewahren, begibt sich Freude auf eine Odyssee durch entlegene Hirnregionen wie Unterbewusstsein, Albtraumfabrik und abstraktes Denken.

Das klingt abgefahren? Ist es auch: kühnes Kopf-Kino mit Köpfchen. Nicht nur Sigmund Freud hätte seine Freude an diesem fabelhaften Freude-Trip, auch alle anderen Zuschauer dürften kopfstehen vor Begeisterung über „Alles steht Kopf“. Denn ebenso wie auf der Leinwand spielen bald die Emotionen im Kinopublikum verrückt: Man gerät ins Staunen, man ist zu Tränen gerührt – und kann im nächsten Moment wieder herzhaft lachen.

Die neue Arbeit des Autors und Regisseurs Pete Docter („Oben“) ist keine trockene Psychologie-Doktorarbeit, sondern bereitet die komplexe Materie wunderbar kindgerecht auf (ohne Altersbeschränkung freigegeben). Nur die Allerjüngsten dürften mit dem Thema nicht viel anfangen können. Zu einem Meilenstein der Filmgeschichte wird „Alles steht Kopf“ indes vor allem durch die optische Umsetzung, die vor Fantasie förmlich sprüht: von der bezaubernden, von innen heraus strahlenden Figur der Freude bis hin zur brillanten Visualisierung von Schlüsselerlebnissen. Wir sehen, wie überflüssige Erinnerungen aus der Lagerhalle des Langzeitgedächtnisses auf die Müllhalde des Vergessens verfrachtet werden – und wie in den Gedankengängen immer wieder die Kisten mit Fakten und Meinungen durcheinanderpurzeln.

Schließlich lernen wir, dass auch Kummer wichtig für die Entwicklung der Persönlichkeit ist. Ein ebenso bewegender wie inspirierender Film, der uns die Augen und das Herz öffnet: Er hilft uns dabei, mit unseren eigenen Gefühlen ins Reine zu kommen. Die Pixar-Macher haben sich mit diesem höchst originellen Geniestreich selbst übertroffen – und so nach einigen Enttäuschungen wie „Cars 2“ den Thron der Animation zurückerobert. 

(In München: Royal, Mathäser dt. und OV, Cinemaxx, Cinema OV, Cadillac, Münchner Freiheit, Leopold, Cincinnati, Neues Rex, Kino Solln, Museum Lichtspiele OV.)

Marco Schmidt

„Alles steht Kopf“

Regie: Pete Docter und Ronnie del Carmen

Laufzeit: 94 Minuten

Hervorragend

Dieser Film könnte Ihnen und Ihren Kindern gefallen, wenn Sie „Oben“ mochten.

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