Filmkritik und Kinotrailer

So "amazing" ist Spider-Man 2

München - Auf berzeugende Darsteller und gute 3D-Effekte dürfen sich Kinobesucher in Marc Webbs „The Amazing Spider-Man 2“ freuen. Es gibt allerdings auch ein "Aber".

Für einen Moment hat er alle Aufmerksamkeit: Max Dillon alias Electro (Jamie Foxx) blickt sich um am Times Square, und sieht auf allen Videowänden sein Bild. Dann taucht Spider-Man auf, die Kameras wenden ihre Neugier – die Welt gehört wieder ganz dem Helden.

Electro ist zunächst eine tragische Figur in „The Amazing Spider-Man 2“: Vor dem Unfall, der ihn zum übernatürlichen Herren über elektrische Kräfte macht, ist Max ein kleiner, eifriger Angestellter des Oscorp-Konzerns, der darunter leidet, dass ihn niemand wahrnimmt. Electro ist Opfer der Gesellschaft und skrupelloser Finsterlinge – umso befremdlicher, dass der Film ihn dann später doch zum reinen, blaublitzenden Monster macht. Zumal er Foxx’ „unsichtbare“ Figur explizit Titel und Thema von Ralph Ellisons Roman „The Invisible Man“ zitieren lässt, den Ur-Klassiker afro-amerikanischer Literatur. Ausgerechnet der Held lässt Max’ schlimmsten Albtraum in Erfüllung gehen, die völlige Unsichtbarkeit: Electro explodiert rückstandsfrei; kein Fitzelchen bleibt, kein Wort des Mitleids.

Aufmerksamkeit ist eins der teuersten Güter geworden in unserer Kultur. Jede Vorab-Markenbekanntheit wird entsprechend ausgenutzt: Die Fortsetzung des übereilten „Spider-Man“-Neustarts ist nur Auftakt für mehr. Sony will einen Lizenz-Seitenarm des Marvel-Universums nun auch nach dem Vorbild von Disneys Avengers-Galaxie ausschlachten, hat schon bis 2018 weitere „Spider-Man“-Fortsetzungen und Ableger („The Sinister Six“, „Venom“) geplant. Und im Grunde ist „The Amazing Spider-Man 2“ ein Film über die Last, eine Marke zu sein: Peter Parker hadert damit, als Spider-Man den Hoffnungsträger für eine ganze Stadt geben zu müssen, auch wenn ihn privat Beziehungsprobleme oder schnöder Schnupfen plagen.

Anfangs gut, am Ende überfrachtet

Zunächst erzählt der Film mit viel Witz, Charme, Verve, mit kindlichem Staunen und mit Enthusiasmus für die Superkräfte – das 3D ist immerhin in ein paar Szenen für mehr gut als nur für den Ticketpreis-Aufschlag. Regisseur Marc Webb hat vor seinem Wechsel ins Blockbuster-Fach ja mit „(500) Days of Summer“ sein Gespür fürs Zwischenmenschliche bewiesen. Und mit Andrew Garfield und Emma Stone hat er Darsteller, die ihre Figuren sympathisch und glaubhaft zum Leben erwecken. Aber zunehmend wird der Film überfrachtet.

Wie schon Sam Raimis Interpretation erliegt auch dieser Spider-Man dem Hang zu überdeutlichen Botschaften: Gwen Stacy hält eine Carpe-Diem-Rede. (Und wer den Comic-Kanon kennt, weiß dies Vorzeichen zu deuten.) Die dramatischen Diskussionen häufen sich zwischen Peter und Gwen, seiner Ziehmutter und Tante (Sally Field), seinem einst besten Freund Harry (Dane DeHaan), nun Oscorp-Erbe und auch mit Super-Serum vergiftet. Der Ernst, die Vorbereitungen für die nächste Fortsetzung lassen diesen Film nach zweieinhalb Stunden schwer schnaufen. Und erst zum Schluss muss ein kleiner Bub im Kinderkostüm dran erinnern, dass Superhelden mal nicht Franchise-Unternehmer waren, sondern Sinnbild für einen naiven Glauben ans Gute.

Thomas Willmann

Rubriklistenbild: © Sony

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