Filmkritik und Kinotrailer

"Amour fou": Partner im Selbstmord

Jessica Hausner begleitet in „Amour fou“ Heinrich von Kleist und Henriette Vogel auf ihrem Weg in den Suizid.

Es gehört Mut dazu, einen Film so zu realisieren wie „Amour fou“. Jessica Hausner inszenierte die letzten Lebensjahre des Dichters Heinrich von Kleist (1777–1811) und Henriette Vogels (1780–1811), seiner Partnerin im Suizid, hochartifiziell, klug – und unterläuft so Sehgewohnheiten. Das mag anstrengend sein, doch Zuschauer, die sich auf diese Bildsprache einlassen, ahnen, was da zu Beginn des 19. Jahrhunderts geschehen sein könnte.

In seiner Abhandlung „Über das Marionettentheater“, entstanden in jener Zeit, formuliert Kleist, dass „die Grazie“ in jenem „menschlichen Körperbau am reinsten erscheint, der entweder gar keins, oder ein unendliches Bewußtsein hat, d. h. in dem Gliedermann, oder in dem Gott“. Mit dieser These, so scheint es, haben sich Hausner und ihr wunderbares Ensemble intensiv beschäftigt: Umso stärker die Darsteller ihr Spiel reduzieren und es unbewusster gestalten, desto mehr offenbaren sie über das Seelenleben ihrer Figuren.

Zurückgenommen, entschleunigt ist auch die Bildsprache: Die Regisseurin und ihr Kameramann Martin Gschlacht wählen lange, ruhige Einstellungen; Motive, die bis zu 15 Sekunden stehenbleiben, sind keine Seltenheit. Eine Herausforderung für den Zuschauer. Dazu kommen wenige, sehr behutsame Schwenks und klar gesetzte Schnitte. All das nutzt Hausner, um das Chaos im Innern der Charaktere herauszuarbeiten. Zugleich bildet ihr Inszenierungsstil jene starre, überreglementierte Gesellschaft ab, in der Kleist „nicht zu helfen war“.

Das Motiv der Heimatlosigkeit auf Erden durchzieht den Film von Beginn. Er setzt ein, als der Dichter seine Novelle „Die Marquise von O…“ (1808) vollendet hat: „Ich suche zu beschreiben, was man fürchtet – und vielleicht auch eigentlich ersehnt“, rechtfertig er den Text vor konsternierten Zuhörern. Ein Satz, den er später auf sein eigenes Leben bezogen leicht variiert: „Man denkt, man möchte leben und möchte doch sterben.“

Christian Friedel spielt all das mit großer Zurückhaltung und wohltuender Beiläufigkeit. So gelingt es ihm zu zeigen, warum Kleist „Zaungast in diesem Leben“ war. Und das nicht nur in jener Szene, in der er sekundenlang allein mit einer mächtigen Goethe-Büste Aug in Aug steht. Der war damals zu Lebzeiten bereits Klassiker – und wurde Kleist als kaum zu erreichendes Vorbild gepriesen.

Doch Hausner verfolgt mit mindestens ebenso großer Genauigkeit Henriette Vogel, die zu zerbrechen droht zwischen starrer Ehe und unklarer Krankheitsdiagnose. Birte Schnöink zeigt, wie diese Frau die Freundschaft zu Kleist auch zur Emanzipation nutzt.

Neben Schauspielern und Bildsprache beeindruckt die Umsichtigkeit, mit der dieser Film eingerichtet wurde. Die Ausstattung ist von großer Exaktheit, ohne je aufgesetzt zu wirken. Klug und mit Bedacht kümmerte sich Hausner auch um Details: Allein die Blumen, die Vogel arrangiert, verraten viel über diese Frau, deren musikalisches Leitmotiv „Das Veilchen“ ist. In dem Lied heißt es: „Ach, denkt das Veilchen, wär ich nur, die schönste Blume der Natur“. Der Text stammt von – Goethe.

Michael Schleicher

Rubriklistenbild: © Neue Visionen Filmverleih

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