"Wer früher stirbt ist länger tot"-Regisseur

"Beste Chance": So ist der neue Rosenmüller-Film

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Alleine durch Indien: Kati (Anna Maria Sturm) reist durch das Land, um ihre Freundin Jo zu suchen.

Berlin - Mit "Wer früher stirbt ist länger tot" machte sich Marcus H. Rosenmüller erstmals auch beim großen Publikum bekannt. Jetzt kommt sein neuer Film "Beste Chance" ins Kino. Unsere Filmkritik:

„Auf Fahrtwind und Freiheit! Ohne Kompromiss!“ So lautete das Motto der Freundinnen Kati (Anna Maria Sturm) und Jo (Rosalie Thomass), die Marcus H. Rosenmüller bereits in seinen Spielfilmen „Beste Zeit“ und „Beste Gegend“ vorstellte. Mit lockerer Hand, wie hingeworfen schuf der Regisseur 2007/08 das Porträt einer, seiner Generation der jungen Bayern, die in den Achtziger- und Neunzigerjahren irgendwo auf dem Land groß wurden. Die sich inmitten von Abiprüfungsstress und Familienzwist ein aufregendes Leben ausmalten. Die von der großen, weiten Welt träumten und schließlich doch wieder heimkehrten.

Die Träume sind inzwischen zerplatzt. Allerdings nicht mit einem lauten Knall, sondern ganz leise und beinahe unbemerkt. Aus den großen Lieben von damals ist nichts geworden. Pragmatismus übertüncht die Narben auf der Seele. In „Beste Chance“, dem Abschluss der Trilogie, studiert Kati tatsächlich Architektur und hat sich mittlerweile bis zur Diplomprüfung gequält. Rocky (Ferdinand Schmidt-Modrow) ist zweifacher Vater, steht kurz vor der Hochzeit und hat ein Haus im Rohbau an der Backe. Mike (Florian Brückner) arbeitet als Arzt im Kreiskrankenhaus und hat vor lauter Nachtdiensten sein Image als Weiberheld verloren. Auch der Toni ist noch da und spielt in derselben Band wie früher. Nur die Jo, die ist seit Jahren in Indien. Und allein das Gerücht, dass sie wieder aufgetaucht sei im idyllischen Tandern, illustriert ohne viele Erklärungen, wie groß die Lücke war, die sie bei ihrem Fortgehen hinterlassen hatte. Es sind Szenen wie diese, in denen sich Rosenmüllers besondere Kunstfertigkeit des „pointierten Hinrotzens“ am deutlichsten zeigt. „Beste Zeit“, „Beste Gegend“ und auch der nun von Anfängerfehlern vollends befreite „Beste Chance“ wirken wie schnell improvisiert. Erst beim genaueren Hinsehen erkennt man die exakte Kamera- und Regiearbeit, das präzise Timing und das Ineinandergreifen der glaubwürdigen Dialoge und Szenen mit dem stimmigen Soundtrack.

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In „Beste Chance“ bricht Kati nach Indien auf, weil sie glaubt, dass Jo Hilfe braucht. Kati schlägt sich allein durch, dicht gefolgt von ihrem (Andreas Giebel) und Jos Vater (Heinz Josef Braun). Besonders an den recht originellen Indien-Szenen sieht man, welchen Reifungsprozess Rosenmüller selbst durchgemacht hat. Einer seiner ersten, noch deutlich ungelenken Kurzfilme, „Hotel Deepa“, spielte nämlich ebenfalls dort.

Um Reifungsprozesse und Veränderungen aller Art geht es in „Beste Chance“. Darum, aus festgetretenen Pfaden auszubrechen und Neues zu wagen – auch wenn das Neue schließlich nur das Alte ist. Und Rosenmüller, bisher eher aufs derb-zünftige Schmunzelstück abonniert, empfiehlt sich damit als Regisseur für feine Nuancen und sensible Zwischentöne.

Ulricke Frick

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