Borgia: Wirbel um Gewalt und Sex

+
Umstritten: Eine Szenen mit dem sterbenden Papst, der Muttermilch trinkt.

Mainz - Das ZDF verteidigt die Gewalt- und Sexszenen in dem Sechsteiler „Borgia“. Die Serie fährt unterdessen gute Quoten ein.

Die Hinrichtungsszene ist von einer Grausamkeit, die man nicht alle Tage zur besten Sendezeit sieht. Ein Verbrecher wird mit einem Holzhammer zu Tode geprügelt. Man sieht zwar nicht, wie die Knochen zertrümmert werden, aber das Blut spritzt dem Henker ins Gesicht. Die Szene war grausiger Höhepunkt des ersten Teils der ZDF-Reihe „Borgia“, und es passt durchaus ins Bild, dass die DVD zur Miniserie keine Jugendfreigabe erhalten hat. Man muss 18 Jahre alt sein, um sie zu erwerben. Natürlich sind die beiden Versionen nicht identisch. In der ungekürzten Version wird doppelt so lange auf den Mann eingeschlagen, bis er endlich tot ist. Trotzdem bewegt sich die Fernsehfassung in einem Grenzbereich.

Millionen Zuschauer

Beim ZDF freut man sich jedoch in erster Linie über die gut sechs Millionen Zuschauer, die die erste Folge hatte, und über die gut fünf Millionen, die dem Mainzer Sender auch beim zweiten Teil am Mittwoch den Tagessieg bescherten. Probleme für den Jugendschutz sieht man nicht. Die Drastik sei „dem Genre geschuldet“, sagt Wolfgang Feindt, der als Redakteur an der Entwicklung der internationalen Koproduktion beteiligt war: „Die Geschichte spielt im ausgehenden Mittelalter, da muss man schon mit Chili kochen, sonst ist die Umsetzung nicht glaubwürdig.“ Man habe intensiv mit dem Jugendschutzbeauftragten diskutiert und sei mit der nun ausgestrahlten Fassung „im Reinen“.

Sexuelle Ausschweifung

Nicht nur Gewalt gibt es reichlich zu sehen, auch die sexuellen Ausschweifungen der Borgias werden ohne die sonst üblichen Schnitte präsentiert. Nackte Haut in der ersten Folge auch vor der Nase des siechen Papstes Innozenz VIII. Er saugt an einer Frauenbrust, die Muttermilch soll ihn stärken. Bei der Fernsehausstrahlung waren vor allem die drastischen Hinrichtungsbilder vergleichsweise spät zu sehen, Kinder werden zu dieser Uhrzeit kaum noch zugeschaut haben. In der Mediathek des Senders im Internet jedoch sind die bereits gezeigten „Borgia“-Folgen rund um die Uhr zugänglich, und auch das ist durchaus grenzwertig.

Das ZDF hat den Film im Hinblick auf den 20.15-Uhr-Termin bearbeitet, was einer FSK-Freigabe von zwölf Jahren entspricht. Der Staatsvertrag zum Jugendmedienschutz verbietet zwar nicht, Filme ab zwölf auch im Tagesprogramm zu zeigen, weist aber ausdrücklich darauf hin, dass das Wohl von Kindern nicht gefährdet werden dürfe. Gleiches sollte natürlich auch für Angebote im Internet gelten.

Irritationen bei Jugendschützern

Vor einigen Jahren hatte das ZDF schon mal für Irritationen bei Jugendschützern gesorgt, weil es „Harry Potter und der Feuerkelch“ am Nachmittag wiederholte. Als auch RTL später die gleiche Version tagsüber zeigen wollte, gab es diverse Schnittauflagen durch die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) der Privatsender.

Beim ZDF weist man gern darauf hin, dass Kinder das „Zweite“ ohnehin nicht auf der Rechnung hätten und nachmittags eher Kika schauten. Ein Stoff wie „Borgia“, sagt Anne Breuer, die Stellvertreterin des Jugendschutzbeauftragten, interessiere Kinder doch gar nicht, „dafür ist der Film viel zu dialoglastig.“ Für FSF-Geschäftsführer Joachim von Gottberg dagegen „ist es gleichgültig, ob ein jugendbeeinträchtigender Inhalt über einen öffentlich-rechtlichen oder einen privaten Sender verbreitet wird. Deshalb sollten für das Fernsehen insgesamt die gleichen Regeln gelten.“ Er hat beobachtet, dass die Risiken der Regelverstöße bei ARD und ZDF gerade im Bereich der Krimis zunähmen: „Dort gibt es nicht nur im ‚Tatort‘ einen Trend, Gewalt immer detaillierter darzustellen.“

Zweierlei Maß

Der FSF-Chef kritisiert, dass beim Jugendschutz mit zweierlei Maß gemessen werde. RTL und die anderen Privatsender betrieben durch die FSF „einen hohen Aufwand, um jugendschutzrelevante Inhalte vor der Ausstrahlung prüfen und gegebenenfalls bearbeiten zu lassen.“ Bei ARD und ZDF würden die Jugendschutzbeauftragten dagegen meist nur bei Beschwerden oder bei Bedenken der Redakteure tätig. Und die Mitglieder der Rundfunk- und Verwaltungsräte agierten bezüglich der Jugendschutzkriterien „meist eher nach gesundem Menschenverstand“. Rechtliche Vorgaben würden da „schon mal sehr frei interpretiert“.

Gottbergs Kritik ist direkt auf „Borgia“ gemünzt: „Wenn zum Beispiel ein unter Jugendschutzgesichtspunkten sehr problematisches Programm ohne jede Zeitbeschränkung in der Mediathek angeboten wird, weil es Kinder sowieso nicht interessieren würde, dann mag das zwar zutreffen, ist aber rechtlich nicht relevant. Bei privaten Anbietern wäre das jedenfalls ein klarer Verstoß.“

Kein Wunder, dass Gottberg eine Zusammenarbeit von ARD und ZDF mit der FSF „unter den Aspekten der Vereinheitlichung von Regeln und Kriterien“ begrüßen würde. Es fehle aber der politische Druck, dies durchzusetzen. Bei ARD und ZDF sieht man ohnehin keine Veranlassung, den Jugendschutz auszulagern.

Tilmann P. Gangloff