Einzigartiges Filmprojekt

Boyhood: Eine stille Sensation

Boyhood, Ellar Coltrane
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Ellar Coltrane in einer undatierten Szene des Films "Boyhood".

München - "Boyhood" erzählt auf einzigartige Weise vom Heranwachsen eines Jungen. Dafür hat Regisseur Richard Linklater seine Hauptdarsteller Ellar Coltrane, Ethan Hawke und Patricia Arquette vor der Kamera in Echtzeit über zwölf Jahre hinweg altern lassen.

Das gab’s noch nie: einen Spielfilm, der über einen Zeitraum von zwölf Jahren hinweg gedreht wurde! Regie-Pionier Richard Linklater, der schon mit seiner bezaubernden „Before Sunrise/ Sunset/ Midnight“-Trilogie einen langen Atem bewiesen hatte, präsentiert nun sein Opus magnum: In „Boyhood“ erzählt er auf einzigartige Weise vom Heranwachsen eines Buben – von der Einschulung bis zur Immatrikulation. Dazu traf er sich ab 2002 einmal pro Jahr mit denselben Darstellern zu intensiven Proben und dreitägigen Dreharbeiten. Ein tollkühnes Experiment: Was tun, wenn mittendrin das Geld ausgeht? Oder wenn ein Schauspieler plötzlich nicht mehr weitermachen kann oder will? Es ist schon ein Wunder, dass es diesen Film überhaupt gibt – und ein noch größeres Wunder, dass er so hinreißend geglückt ist. Fesselnd, wie der sagenhaft talentierte Ellar Coltrane in der Hauptrolle des texanischen Knaben Mason von einem aufgeweckten Sechsjährigen zu einem höchst interessanten jungen Mann heranreift. Ebenfalls eine wahre Wonne: Linklaters Tochter Lorelei als Masons rotzfreche, dickköpfige Schwester – und Linklaters langjähriger Weggefährte Ethan Hawke als geschiedener Papa, der sich von einem Musiker-Luftikus langsam in einen verantwortungsvollen Vater verwandelt. Besonders packend: Patricia Arquette als charmant-chaotische Alleinerziehende, die immer wieder an die falschen Männer gerät, aber trotzdem für ihre beiden Kinder eine fabelhafte, löwenmutige Mutter ist. Alle diese Figuren zeichnet Linklater so liebevoll, dass wir sie mitsamt ihren Fehlern und Macken fest ins Herz schließen. Wir fiebern und leiden und lachen leidenschaftlich mit ihnen mit – und ertappen uns am Ende dabei, dass wir sehnsüchtig auf eine Fortsetzung hoffen.

"Boyhood" punktet mit wahrhaftigen Details

Linklater erzählt locker, leicht und lebensnah, ganz ungekünstelt, ohne aufgesetzte Dramatik. Er protzt nicht mit Spektakulärem, sondern punktet mit wahrhaftigen Details. Anstatt die üblichen Stationen eines 08/15-Coming-of-Age-Films abzuhandeln (der erste Kuss, der erste Sex, und so weiter), schildert er scheinbar „kleine“, aber umso prägendere Momente, die sich zu einem präzisen Puzzle-Bild formen, zum prototypischen Panorama einer Patchwork-Familie in den USA. So erleben wir etwa, wie Mason von seinem Vater dazu angestiftet wird, Obama-Wahlplakate in die Vorgärten der Nachbarn zu pflanzen, oder wie ein inspirierender Lehrer, der Masons künstlerische Begabung erkannt hat, ihm verbal den nötigen Tritt in den Hintern verpasst. Herzzerreißende Szenen (wenn beispielsweise Masons Mutter in einem verzweifelten Ausbruch der verlorenen Zeit nachtrauert) werden sofort mit herzerfrischendem Humor gebrochen, bevor sie ins Pathetische abgleiten können. Mit feinem Gespür für authentische Dialoge und für die Poesie im Alltäglichen gelingt Linklater ein faszinierendes filmisches Familienalbum: eine Apotheose des Augenblicks – und eine Hymne auf das Leben.

Gebannt verfolgen wir, wie die umwerfend natürlich agierenden Darsteller vor unseren Augen auf eine Weise älter werden, die kein Maskenbildner jemals hinbekäme: Selten war es derart spannend, dem Leben bei der Arbeit zuzusehen. Publikum und Kritiker zeigten sich bei der diesjährigen Berlinale unisono begeistert – da gab es Jubelstürme wie sonst nur bei einem Rockkonzert. Zu Recht. „Boyhood“ ist eine stille Sensation. Ein Meilenstein der Filmgeschichte. Und eine Kino-Wundertüte voller magischer Momente. (In München: Arri, Münchner Freiheit, City, Atelier, Abc, Kino Solln, Cinema OV.)

Dieser Film könnte Ihnen gefallen, wenn Sie "Before Sunrise" mochten.

von Marco Schmidt

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