Kinotrailer und Filmkritik

Deshalb ist "das brandneue Testament" unser Film der Woche

Unser Film der Woche: Jaco Van Dormaels satirische Tragikomödie "Das brandneue Testament" rechnet mit dem jahrtausendealten Patriarchat ab.

Der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Alles Mannsbilder. Und auch Jahwe, Allah, Buddha und Krishna machen einen durchaus maskulinen Eindruck. Dass Frauen in der Historie kaum einen Fuß auf den Boden bekommen haben, sollte da nicht verwundern. Selbst Urmutter Gaia lebte bereits in einer patriarchalen Sippe. Der Schriftsteller Thomas Gunzig und der Regisseur Jaco Van Dormael hatten davon augenscheinlich genug.

In ihrem Drehbuch zu „Das brandneue Testament“ gehen sie stellvertretend mit dem christlichen Gott hart ins Gericht. Dass die Welt in keinem guten Zustand ist, haben wir in der ebenso komischen wie traurigen Komödie einem griesgrämigen Familienvater und Tyrannen zu verdanken, genial verkörpert von Benoît Poelvoorde. Der unterdrückt seine Frau (ganz wunderbar: Yolande Moreau), schikaniert seine kleine Tochter Éa (Pili Groyne) und quält die Menschen mit Hilfe eines Computerprogramms. Er lebt in Brüssel, schlappt im Bademantel durch die Wohnung und sieht fürchterlich aus. Gestatten, das ist der Weltenherrscher und Schöpfer.

Ganz schön frech, was sich das belgische Duo da ausgedacht hat. Und ganz schön gut. Dass Jaco Van Dormael ein Faible für ins Märchenhafte übersteigerte Stoffe besitzt, hat er unter anderem in seinen Filmen „Der achte Tag“ und „Mr. Nobody“ bewiesen. In „Das brandneue Testament“ verbindet er diese poetisch-fantastischen Elemente nicht nur mit der naturgemäß dazugehörigen Melancholie. Seine Tragikomödie besitzt satirischen Biss, gesellschaftskritische Raffinesse und basiert nicht einfach nur auf einer guten Anfangsidee, die nach zwanzig Minuten ausgereizt ist. Vielmehr begründet Van Dormael ein neues Zeitalter.

Dieses wird von Jesus’ pfiffiger Halbschwester Éa eingeläutet, die Gottes Computer umprogrammiert, alle Menschen über ihren Sterbetag informiert und sich kurzerhand auf die Suche nach sechs neuen Aposteln macht – Männern und Frauen. Die Fantasie und Chuzpe, die im Drehbuch stecken, sind enorm. Immer wieder überrascht der Film mit originellen Ideen und Wendungen. Dabei verbergen sich hinter manch hingeworfenen kleinen Gags tiefsinnige Erkenntnisse über das leidige Patriarchat, menschliche Ausbeutung, Selbstkasteiung und das Inhumane des täglichen Lebens. Dazu passen die Bilder. Sie sind spielerisch, mal witzig, mal voller Trauer. Und selbst wenn sie sich in Ästhetizismen oder Metaphern verlieren, geschieht das mit Hintersinn.

Auf diese Weise kontrastiert der Regisseur die Sehnsüchte und Träume der Menschen mit der schnöden Realität. Beim Kitsch endet das nie. Ein trockener Spruch, eine schräge Szene, und ganz schnell landen Figuren und Zuschauer wieder in der Filmrealität. Wer Religionskritik fürchtet wie der Teufel das Weihwasser, sollte „Das brandneue Testament“ meiden. Wer die intelligente, dialektische Auseinandersetzung liebt und keine Scheu vor Märchen besitzt, kann jetzt schon mal die Popcorn vorbestellen.

von Katrin Hildebrand

„Das brandneue Testament“

mit Benoît Poelvoorde, Pili Groyne, Catherine Deneuve

Regie: Jaco Van Dormael

Laufzeit: 116 Minuten

Dieser Film könnte Ihnen gefallen, wenn Sie sich eine Mischung aus „Edward mit den Scherenhänden“ und „Jackie im Königreich der Frauen“ vorstellen können.

Rubriklistenbild: © Kris Dewitte/ NFP marketing & Distribution

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