"Cloud Atlas": Tom Tykwers Mammut-Produktion

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Tom Hanks und Halle Berry in "Cloud Atlas".

Köln - Es ist der teuerste deutsche Film, den es bislang gab. Mit "Cloud Atlas" bringen Tom Tykwer und die "Matrix"-Macher Lana und Andy Wachowski ein monumentales Epos über den Sinn des Lebens auf die Leinwand.

Ein alter Mann namens Zachary (Tom Hanks) erzählt am Lagerfeuer ein paar Kindern eine Geschichte. Dass die etwas zu lang geraten ist, belegt die als Mosaik angelegte Kinoadaption des voluminösen Reinkarnations-Wälzers „Cloud Atlas“ von David Mitchell sehr anschaulich. Denn in die Rahmenhandlung vor dem – weit in der Zukunft liegenden – zerstörenden Feuer haben die Regisseure Tom Tykwer („Das Parfüm“), Lana und Andy Wachowski („Matrix“) die gesamte Handlung des Romans gepackt: ohne wesentliche Abstriche, dafür allerdings nicht chronologisch wie bei Mitchell, sondern im raschen Wechsel der höchst unterschiedlichen Episoden. Da Mitchell im Buch sechs Menschen zu unterschiedlichen Zeiten (1849, 1936, 1973, 2012, 2144 und 2346) porträtiert, geht es im Film anfangs derart munter durcheinander, dass man sich kaum zurechtfindet, wenn man nicht zuvor Mitchells Epos inhalierte. Hat man jede Zeit, in der die Handlung angesiedelt ist, einmal auf der Leinwand gesehen, fremdelt man als Zuschauer nicht mehr, fühlt sich sogar in manche Episoden hineingezogen.

In der 1849 spielenden Geschichte beispielsweise findet man sich schnell zurecht: Ein Anwalt (Jim Sturgess) sieht auf einer Pazifikreise die erschütternde Unterdrückung der Eingeborenen und handelt seinem Gewissen entsprechend. Auch die Atom-Geschichte aus dem Jahr 1973 und das Science-Fiction-Szenario von 2144 mit den an „Total Recall“ oder „Das fünfte Element“ erinnernden Momenten bieten starke Szenen, virtuos inszenierte Action und großartige Bilder. Egal, ob sich Hanks als Atomphysiker in die Journalistin Halle Berry verknallt oder die Koreanerin Doona Bae als rebellierende Klon-Kellnerin ihre eigene Wirklichkeit verändert – es ist mitreißend und sehr anrührend gespielt.

Gemäß Mitchells eher schlichter Kernaussage „Alles ist miteinander verbunden“, sind Hanks, Berry, Susan Sarandon, Hugh Grant, Jim Broadbent, Jim Sturgess und alle anderen Schauspieler in skurrilsten Kostümen und Maskierungen zu sehen: munter werden Hautfarbe, Geschlecht und Rolle gewechselt. Diese Schauwerte sorgen für viel Unterhaltung und übertünchen gelegentlich sehr gut den arg simplen Überbau des Films.

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Wie dürftig dieser ist, muss auch Tykwer und den Wachowskis aufgefallen sein: Mit beeindruckend durchdachtem Set-Design und eleganter Schnittkunst belebt das Regie-Trio die Buchvorlage, eröffnet an manchen Stellen vollkommen neue Sichtweisen und strafft die ausufernde Geschwätzigkeit des Romans in zwei, drei prägnanten Einstellungen. Wie viel fließender und spannender wäre der Film erst geworden, wenn sich die Regisseure getraut hätten, noch energischer zu kürzen! Doch mag mancher Gedanke zum Thema Wiedergeburt und Weltgeist in „Cloud Atlas“ im Kino noch so banal erscheinen – an der filmischen Umsetzung liegt es mit Sicherheit nicht.

von Ulrike Frick

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