„Die Eiserne Lady“: Meryl Streep in ihrer Oscar-Rolle

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Unter Männern: Die ehemalige britische Premierministerin Margaret Thatcher erkämpfte sich ihren Platz in der Männerdomäne Politik. Meryl Streep bringt in „Die Eiserne Lady“ Körpersprache und Duktus der Politikerin eindrucksvoll auf die Leinwand.

Berlin - Meryl Streeps Leistung als Margaret Thatcher in „Die Eiserne Lady“ wurde gerade zu Recht mit einem Oscar gekrönt. Sehen Sie hier den Kino-Trailer und die Filmkritik:

Mehr als viele andere Filme verlangt dieser nach dem autonomen Zuschauer. Denn Regisseurin Phyllida Lloyd wählte für „Die Eiserne Lady“ nicht den einfachen Weg. Sie zeigt Margaret Thatcher, die erste weibliche Regierungschefin Europas, eben nicht als erbarmungsloses Biest, das sie in der Wahrnehmung vieler Menschen bis heute ist. Dabei wäre das so einfach gewesen: Thatcher, die von 1979 bis 1990 britische Premierministerin war, gilt als diejenige, die die soziale Kälte ins Vereinigte Königreich gebracht hat, die die Gewerkschaften marginalisierte und durch Privatisierungen das soziale Netz allzu weitmaschig werden ließ. Natürlich thematisiert Lloyd all das in ihrem Film. Doch überlässt sie das Urteil dem Zuschauer. Antworten gibt dieses dicht erzählte und packende Biopic kaum – regt aber zum Nachfragen an.

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„Die Eiserne Lady“ erzählt Thatchers Aufstieg in der Politik in Rückblenden. Ausgangspunkt ist die Alzheimer-kranke Ex-Politikerin, die sich ins Private zurückgezogen hat, Gespräche mit ihrem längst verstorbenen Mann führt. In einer starken Szene gleich zu Beginn gelingt es Thatcher, ihrem Pflegepersonal zu entwischen, um im Supermarkt Milch zu kaufen. Wie empört sich die alte Frau über den Preis! Vielleicht erinnert sich der Zuschauer bereits hier an Thatchers Spitznamen „Milchdiebin“, als sie in den Siebzigern, als Bildungsministerin, die Gratismilch der britischen Schulkinder strich. Solche Querverweise machen den Reiz dieses klugen Films aus.

Wirklich beeindruckt „Die Eiserne Lady“ aber dank der wunderbaren Meryl Streep, die Thatcher von dem Moment an spielt, als diese Abgeordnete wurde. Körpersprache, Gestik, Mimik und Sprechduktus sind bei ihr schier unglaublich wahrhaftig. Streep hat die Politikerin exakt studiert und zum Leinwand-Leben erweckt. Kein Wunder, dass sie für diese Leistung gerade den Oscar als beste Schauspielerin gewonnen hat.

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Streep braucht nicht viel, um den Charakter dieser Frau fassbar zu machen: Da wird Thatcher von ihrem Arzt gefragt, wie sie sich fühle. Sie faucht: „Fragen Sie mich nicht, wie ich mich fühle. Fragen Sie, was ich denke.“ In einer anderen Szene beugt sich eine junge Frau voller Bewunderung und Respekt zur alten Thatcher und sagt: „Sie sind ein Vorbild für meine Generation.“ Doch statt sich zu freuen, stößt die Ex-Politikerin die Junge vor den Kopf, als sie resigniert antwortet: „Heute geht es darum, etwas zu sein. Uns ging es darum zu arbeiten.“ Drehbuchautorin Abi Morgan hat einige derart prägnante Sätze gefunden, die mit wenigen Worten viel über Thatcher verraten. Meryl Streep hat diese Vorlagen genutzt und großartig umgesetzt. So ist der Zuschauer in der Lage, sich selbst ein Urteil über Thatcher zu bilden. Dieser Film zwingt ihm keines auf. Ein Glück.

Michael Schleicher

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