Ein echter Tarantino

"Django Unchained": Blutig, provokant & unterhaltsam

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Dr. King Schultz (Christoph Waltz, l) und Django (Jamie Foxx) in einer Szene des Kinofilms "Django Unchained" (undatierte Filmszene).

München - "Django Unchained" ist ein blutiger, provokanter und gleichzeitig schräger Spaghetti-Western über die Sklaverei in den USA. Ein waschechter Tarantino eben.

Da stimmt etwas nicht, das merkt nicht nur der Bewohner der texanischen Kleinstadt: „Ein Neger auf einem Pferd!“, ruft er staunend, als Django (Jamie Foxx) an ihm vorbeireitet. Auch dem Zuschauer fällt schnell auf, dass Quentin Tarantinos neuer Film „Django Unchained“ kein gewöhnlicher Western ist. Tarantino hat einen „Southern“ gedreht, keinen Film über Cowboys und den wilden Westen, sondern über Sklaven und den brutalen Süden.

Django, der Sklave, wird erst von Kopfgeldjäger Dr. King Schultz (Christoph Waltz) befreit und zu seinem Assistenten gemacht, später wird Django zum Retter seiner Frau Broomhilda (Kerry Washington), die dem brutalen Plantagenbesitzer Calvin Candie (Leonardo DiCaprio) gehört. Dass Tarantino sich in seinen Filmen nicht an den tatsächlichen Lauf der Geschichte gebunden fühlt, ist spätestens seit „Inglourious Basterds“ klar, in dem er Hitler in einem Kino in die Luft sprengte. Jetzt also wieder Historisches: 1858, US-Südstaaten, noch drei Jahre bis zum Bürgerkrieg, der Sklavenhandel blüht.

Der Film, der in den USA bereits an Weihnachten in die Kinos kam, hat für einigen Wirbel gesorgt. Wie immer bei Tarantino geht es um die Frage: Darf man das? Darf man „Neger“ sagen? Darf man so viel Blut und Gewalt zeigen? „Django Unchained“ ist sogar für Tarantino-Verhältnisse eine Gewaltorgie. Da werden Sklaven von Hunden zerfleischt und in einer Art Gladiatorenkampf auf Leben und Tod aufeinandergehetzt. Doch im Gegensatz zu früheren Filmen wie „Kill Bill“ oder „Pulp Fiction“ setzt Tarantino die Gewalt nicht nur als ästhetisches Stilmittel ein, sondern auch um die Grausamkeit der Sklaverei zu zeigen.

Doch „Django Unchained“ ist keineswegs nur eine blutige Geschichtsstunde. Tarantino ist ein provokanter, zugleich aber auch unglaublich unterhaltsamer Film gelungen. Das ist vor allem dem hervorragenden Ensemble zu verdanken. Christoph Waltz, der für seine Rolle als SS-Führer Hans Landa in „Inglourious Basterds“ einen Oscar gewann, brilliert erneut. Die Rolle des trickreichen, deutschen Kopfgeldjägers, hat ihm Tarantino offensichtlich auf den Leib geschrieben. Und der Österreicher dankt es, indem er wieder zur Höchstform aufläuft – was längst nicht in jeder Rolle seit seinem Oscar-Gewinn der Fall war. „Django Unchained“ brachte ihm jetzt wieder einen Golden Globe und eine Oscar-Nominierung ein. Samuel L. Jackson ist in seiner vielleicht bisher besten Rolle als alter Sklave Stephen zu sehen, der mit dem Plantagenbesitzer Calvin Candie gemeinsame Sache macht. Den eisig-brutalen Bösewicht Candie spielt Leonardo DiCaprio glänzend. Der Plantagenbesitzer lässt sich stets nur mit „Monsieur Candie“ ansprechen, spricht aber kein Wort Französisch.

Überhaupt spielt Sprache eine wichtige Rolle in „Django Unchained“. Einiges von diesem Wortwitz wird sich nicht übersetzen lassen. Wenn DiCaprio in breitem Südstaaten-Slang sagt, er wisse nicht, wie Waltz es als Deutscher so lange in Amerika aushalte, er vermisse seine Muttersprache schon nach zwei Wochen in Boston, wird die Komik in der deutschen Synchronfassung wohl verloren gehen. Auch die Szenen, in denen Waltz mit Djangos Frau Broomhilda (benannt nach Brunhild aus der Nibelungensage) Deutsch spricht, weil sie von ihren ehemaligen Besitzern ein paar Worte beigebracht bekommen hat, dürften viel Charme einbüßen.

Doch das meiste bleibt universell komisch: Zum Beispiel die Szene, in der sich eine Horde Ku-Klux-Klan-Mitglieder über die Form ihrer Masken beklagt, weil sie beim Reiten ständig verrutschen. Es ist eine der Dialogszenen, wie man sie aus Tarantinos frühen Filmen kennt, als sich Gangster in „Reservoir Dogs“ stritten, wer den Decknamen „Mister Pink“ tragen muss.

Der Film ist unterlegt mit einem grandiosen Soundtrack, der von Hip-Hop über Country bis zu Stücken von Großmeister Ennio Morricone („Spiel mir das Lied vom Tod“) reicht. Tarantino, das wandelnde Filmlexikon, hat wieder zahlreiche kleine und große Anspielungen auf Klassiker des Western-Genres eingebaut. Selbst den Filmtitel hat er sich geborgt. „Django“, so hieß schon der Spaghetti-Western mit Franco Nero. Der Star von damals bekommt sogar einen kurzen Gastauftritt. „Wie heißt du?“, fragt Nero Tarantinos Django an der Bar. Der buchstabiert und sagt: „Das D spricht man nicht.“ „Ich weiß“, antwortet der Orignial-Django. Spätestens hier hat man Tarantino auch das eine oder andere aus dem Ruder gelaufene Blutbad verziehen.

Von Philipp Vetter

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