"Und plötzlich bist du verrückt"

Kino-Doku: Die vielen Facetten des Gustl Mollath

In ihrem Dokumentarfilm "Mollath - und plötzlich bist du verrückt" begeben sich Annika Blendl und Leonie Stade auf Spurensuche – ohne Partei zu ergreifen

Die Wahrheit? Annika Blendl und Leonie Stade kennen nicht die eine Wahrheit, das sagen sie auch ganz offen. Aber: Sie kennen die Wahrheit des Gustl Mollath – und die wollen sie nun zeigen.

Ihr Dokumentarfilm „Mollath – und plötzlich bist du verrückt“ startet heute. Gut 90 Minuten geht es um den „Menschen Mollath“ – darum, „wie sich Mollath anfühlt“, sagen die Jung-Regisseurinnen von der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film (HFF). Und das spürt man in der Tat. Allein schon deshalb, weil sich Blendl und Stade nicht auf eine Seite schlagen – sie sind weder Freund noch Feind. Sie sind stille Beobachter, sie schauen genau hin, sie registrieren jede Nuance. Sie sprechen mit Mollath und Menschen, die ihn kennen, die ihn mögen. Aber auch mit welchen, die ihm nicht so wohlgesonnen sind. Wer also ist Mollath? Diese Entscheidung überlassen sie dem Zuschauer. Aber: Es ist nicht so, dass sie keine Hinweise liefern. 72 Stunden Drehmaterial hatten sie im Kasten, bevor es an den Schnitt ging. Seit Januar 2013 waren sie an Mollath dran – damals hatten sie einen Artikel über ihn entdeckt. Sie besuchten ihn in der Psychiatrie, wo er mehr als sieben Jahre lang zu Unrecht saß. Ein Justizopfer. Sie waren dabei, als er entlassen wurde, weil die Wiederaufnahme seines Falles bevorstand. Sie begleiteten ihn bei den ersten Schritten in die Freiheit – eine Freiheit, die für ihn keine war, eher eine Warteschleife bis zum Prozess im Sommer 2014. Sie saßen im Gerichtssaal, als die Anklage verlesen wurde – und sie bekamen mit, wie sich Mollath im Lauf des Verfahrens mit seinem Anwalt überwarf, wie das selbst bei vielen seiner Unterstützer zur Fassungslosigkeit führte: Warum tut er das?

Weil Mollath fand, er werde nicht richtig verteidigt. Am Ende bekommt er seinen Freispruch – aber er fühlt sich nicht frei, nicht rehabilitiert. Denn es ist „ein Freispruch zweiter Klasse“, aus Mangel an Beweisen. Nicht, weil die Richter in Regensburg davon überzeugt sind, dass er seine Ex-Frau nicht misshandelt hat. Er sagt: „Nein, das habe ich nicht!“ Die Regisseurinnen sagen: „Wir können das nicht beantworten.“ Das wollen sie auch nicht, das ist nicht ihr Anspruch. Sie wollen Mollath in all seinen Facetten zeigen. Ein höflicher, kluger Mann. Ein Querulant. Ein Zyniker. Ein Justizopfer. Ein Gerechtigkeitsfanatiker. Am Anfang und Ende des Films erscheint ein Bild eines Mannes auf dem Mond – ja, die Mondlandung hatte Mollath schon als Kind fasziniert. Ein Mensch auf einem anderen Planeten – ein Fremdkörper. Mollath dürfte sich oft so fühlen. 

von Barbara Nazarewska

„Mollath – und plötzlich bist du verrückt“

Regie: Leonie Stade und Annika Blendl

Laufzeit: 90 Minuten

Rubriklistenbild: © Zorro/dpa

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