Film der Woche: Gänsehaut wie in der guten alten Zeit

Daniel Radcliffe befreit sich in dem großartig gemachten Gruselfilm „Die Frau in Schwarz“ von der Harry-Potter-Rolle. Lesen Sie hier die Kritik zu unserem Film der Woche.

Er war elf Jahre alt damals. Als aus Daniel Radcliffe der Zauberlehrling Harry Potter wurde, änderte sich für den Schüler aus Fulham bei London das ganze Leben. Heute ist Radcliffe ein 22-jähriger Schauspieler, der nun mit Bedacht seine Rollen auswählt, um sich vom Image des Kinderstars freizuschwimmen.

Die Wahl hätte er nicht besser treffen können. Die Figur des jungen, verwitweten Anwalts Arthur Kipps in „Die Frau in Schwarz“ passt perfekt: Kipps, der mit seinem dreijährigen Sohn im geschäftigen London Ende des 19. Jahrhunderts lebt, ist hin- und hergerissen zwischen Karriere und Kind. Die vielschichtig angelegte Figur bietet dem unprätentiös und subtil agierenden Radcliffe die Möglichkeit, seinem Charakter unterschiedliche Facetten zu verleihen, bevor Regisseur James Watkins richtig zur Sache kommt.

Denn dann wird „Die Frau in Schwarz“, basierend auf dem gleichnamigen Bestseller von Susan Hill, zu einem großartig gemachten Horrorfilm, der auch die hartgesottensten Thriller-Fans noch das Fürchten lehrt und absolut alle Erwartungen erfüllt. Kipps soll für ein paar Tage in einem abgelegenen Dorf den Nachlass einer alten Dame auflösen und anhand der Papiere in ihrer Villa im Moor einen Erben bestimmen. Die Dorfbewohner wollen den Juristen sofort vergraulen: Doch der lässt sich durch fehlenden Komfort und unfreundliche Wirtsleute nicht vertreiben, quartiert sich in der von Nebelschwaden umwaberten Villa des Schreckens ein und kommt dem tatsächlichen Grauen immer näher. Gegenstände bewegen sich, Kinderspielzeuge beginnen zu schnattern, eine schwarz gekleidete Frau taucht auf – und überall kommen Kinder ums Leben.

Die britischen Hammer-Studios produzierten seit 1934 vorzugsweise gepflegte Gruselschocker. Ihre Blütezeit erlebte die Firma in den Fünfziger- und Sechzigerjahren, als Klassiker wie „Dracula“, „Frankensteins Fluch“ oder „Die Nächte des Grauens“ entstanden und die Geister, Mumien und Dämonen zu Scharen durch die viktorianischen Gemäuer wandelten. 2010 wurde die einstige Kultmarke zu neuem Leben erweckt. James Watkins hat sich für seine im klassischen Stil, aber mit der Technik von heute inszenierte „Frau in Schwarz“ auf die Anfänge der Hammer-Studios besonnen und seinen nervenaufreibend spannenden Horrorfilm mit allem versehen, was das Genre in seinen besten Zeiten auszeichnete.

Dazu gehört auch die notwendige Wortkargheit der Figuren, die heute oft einem stumpfsinnigen Geplapper angesichts des nahenden Grauens gewichen ist. Watkins lässt seinen Helden auch mal schweigen, wenn es ohnehin nichts mehr zu sagen gibt. Dafür besitzen die spärlichen Dialoge wenigstens alle eine tatsächliche Aussagekraft. In der längsten Sequenz in der Villa spricht beinahe 20 Minuten lang keiner ein Wort. Allein die Musik und die Geräusche sorgen in herrlicher Kombination mit der Kamera für zentimeterdicke Gänsehaut. Phantastisch. (In München: Mathäser, Cinemaxx, Münchner Freiheit, Museum-Lichtspiele, Cinema OV.)

Ulrike Frick

„Die Frau in Schwarz“

mit Daniel Radcliffe

Regie: James Watkins

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Rubriklistenbild: © Concord Film/dpa

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