Eine gelungene Kombination 

Film der Woche: "Macbeth"

Justin Kurzel präsentiert mit „Macbeth“ ein Schlachtengemälde, das zeigt, was Verlust mit uns Menschen macht. Dramatische Bilder, fantastische Schauspieler und eine ergreifende Geschichte. 

Am Anfang ist die Schlacht. Und die Schlacht überfordert. Sie ist Dreck, Matsch, Fleisch und Blut. Sie ist laut, Ketten klirren, dumpf schlägt Eisen auf Eisen, grausig klingt das Stöhnen und Sterben der Männer. Die Schlacht ist Tempo, ist Bilderflut – und Adam Arkapaw fängt mit seiner Kamera all das so unmittelbar ein, dass es schmerzt. Er bremst Hiebe ab bis zur Zeitlupe oder beschleunigt das Schlitzen und Stechen. Die Schlacht, sie ist Werden und Vergehen. Sie gebiert viele Leichen, einige Krüppel und wenige Helden. Versehrt sind jedoch auch die.

Der Krieg ist in diesem Film Vater all dessen, was folgen wird. Justin Kurzel zeigt ihn in seiner Brutalität, Inhumanität und grausamen Ästhetik; der Australier stellt ein Schlachtengemälde an den Beginn seiner Adaption von „Macbeth“. Shakespeare lässt in seinem 1623 erstmals veröffentlichten Drama lediglich von diesem Kampf der Schotten gegen die Norweger berichten. Kurzel, der bislang erst einen Spielfilm inszeniert hat, zeigt den Krieg, um klar zu machen, wie Macbeth wurde, was er ist: ein Traumatisierter, vom Wahn Getriebener, ein psychisches Wrack. Ein Mann, der weder diese noch alle anderen Schlachten je wieder loswerden wird. Mehrfach wurde die Tragödie fürs Kino adaptiert, von Regisseuren wie Orson Welles (1948), Akira Kurosawa (1957) und Roman Polanski (1971). Justin Kurzels Film braucht keinen Vergleich zu scheuen, weil seine Produktion zum einen ganz in der Zeit und in der Sprache Shakespeares bleibt – und dessen Verse auch jenen Zuschauern unmittelbar verständlich sind, die selten ins Theater gehen. Zum anderen analysiert der Regisseur konsequent unter einer Fragestellung die Geschichte jenes Mannes, dem Hexen prophezeien, dass er König werden wird, und der dann den Thron durch Mord an sich reißt: Was hat der Krieg mit und aus ihm gemacht? Mehr noch: Was macht ein schmerzhafter Verlust mit und aus Menschen? Denn Macbeth und seine Frau kommen nie über den Tod ihres Kindes hinweg.

Eine gelungene Kombination 

Kurzel und sein Kameramann Arkapaw haben eine klare, schnörkellose Bildsprache für das Drama gefunden: Gleich zu Beginn werden etwa das Grün der schottischen Berge, die diesige Nacht gebrochen mit der rot aufgehenden Sonne. Rot wie das Blut auf dem Schlachtfeld, rot wie später der brennende Wald von Birnam, der als Funkenflug und Ascheregen nach Dunsinane Hill vorrückt – und somit auch die Prophezeiung der Hexen vom Tod Macbeths wahr werden lässt. Es gibt in diesem Film immer wieder Momente wie diesen, in denen Landschaft und Witterung das Geschehen unaufdringlich spiegeln, ergänzen, vorwegnehmen. Eine gelungene Kombination.

Das gilt erst recht für die Besetzung: Michael Fassbender, einer der vielseitigsten Schauspieler seiner Generation, gibt der Titelrolle eine enorme Vielschichtigkeit und bietet einen spannenden Blickwinkel auf die Figur: Nicht die Gier nach Thron und Macht treibt diesen Mann und seine Frau (Marion Cotillard mit schlafwandlerischer Sicherheit), sondern vielmehr die innere Leere, die das Paar seit dem Verlust des Kindes quält. Der Königsmord gibt beiden die Chance, sich davon zu befreien. Macbeth leidet obendrein an dem Trauma, das er als Soldat aus den Schlachten, die er schlagen musste, mit nach Hause geschleppt hat: Fassbender zeigt einen Mann, der den Gipfel von Macht und Virilität errungen zu haben scheint – und doch bereits längst tot ist.

„Macbeth“

Mit Michael Fassbender, Marion Cotillard, Paddy Considine, David Thewlis

Regie: Justin Kurzel

Laufzeit: 113 Minuten

Dieser Film könnte Ihnen gefallen, wenn Sie Roman Polanskis Adaption des Stoffes aus dem Jahr 1971 mochten.

Rubriklistenbild: © dpa

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