Der Film der Woche

"Mr. May" siegt mit Mitmenschlichkeit

München - Mr. Mays Aufgabe ist es, nach Angehörigen von Verstorbenen zu suchen. Im berührenden Drama kämpft er gegen das Vergessen. Die Kritik zu "Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit":

Im echten Leben läuft das leider etwas anders. Da sind städtische Angestellte, die sich um Amtsbestattungen kümmern, reine Schreibtischtäter. Amtsbestattungen werden durchgeführt, wenn es keine Angehörigen mehr gibt. Dann kommen Menschen wie „Mr. May“ ins Spiel, die für die Stadt, die ja ungern auf den Kosten der Beerdigung sitzen bleiben möchte, nach möglichen Angehörigen fahnden. Nicht aus Mitleid, reine Kostensache. Sie kümmern sich um solch gruselige Fälle, über die viel zu häufig in der Zeitung zu lesen ist: etwa um Frauen, die schon drei Tage lang tot in der Wohnung gelegen haben, ehe es jemand gemerkt hat – weil Nachbarn sich über den üblen Geruch im Treppenhaus beschweren. Oder weil eine in der Wohnung herumstreunende Katze das tote Frauchen vergeblich um Futter anmaunzte. Hinter all dem steckt: vollkommene Einsamkeit.

Die Angst, irgendwie vergessen zu werden, davor, dass niemand zur eigenen Beerdigung kommt, fängt Regisseur und Drehbuchautor Uberto Pasolini in „Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit“ mit seinem hervorragenden Hauptdarsteller auf berührende Weise ein.

Normalerweise geht in den beschriebenen Fällen niemand los und schaut in der Wohnung nach, was das für ein Mensch gewesen ist, der da tagelang reglos neben dem alten Videorekorder gelegen hat. Und niemand sucht nach einem Menschen, der den Verstorbenen vielleicht doch leiden konnte und zur Beerdigung kommen würde. Doch Pasolini stellt sich in seinem Film vor, wie es sein könnte, würde es nicht nur um die Kostenfrage, sondern um echtes Interesse am Menschen gehen. Mr. May, dieser ältliche Mann, blass, etwas neurotisch, die Haare immer korrekt gestutzt, ist kein reiner Schreibtischtäter. Er bemüht sich um eine würdevolle Verabschiedung des Verstorbenen, schreibt berührende Trauerreden, hält Kerzen, sucht stimmungsvolle Musik aus, verkneift sich das Husten, wenn der Weihrauch allzu großzügig in der ansonsten menschenleeren Kapelle verteilt wird.

Doch auch dahinter steckt: vollkommene Einsamkeit. Ist Mr. May doch selbst ein traurig einsamer Kauz. Und weil er einfach viel zu viel Zeit für die Lösung seiner „Fälle“ benötigt, wird er entlassen. Für ihn ist das die Gelegenheit, noch einmal ein ganz neues Abenteuer zu erleben.

Das alles klingt grau und melancholisch, doch tatsächlich gelingt es Pasolini, durch wohl platzierte lakonische Sprüche, ironische Seitenhiebe und schwarzen Humor bei all der morbiden Schwere des Themas nie die Hoffnung zu verlieren – auf eine zweite Chance, die jedem zusteht. Denn, so Mr. Mays optimistisches Motto: „Nicht jede Tür ist verschlossen.“ Manchmal muss man einfach etwas ruckeln, damit sich neue Wege eröffnen. (In München: Studio Isabella, Atelier, Monopol, Arena.)

„Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit“

mit Eddie Marsan

Regie: Uberto Pasolini

Dieser Film könnte Ihnen gefallen, wenn Sie „One Hour Photo“ mochten.

Von Katja Kraft

Rubriklistenbild: © Piffl Medien GmbH / dpa

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren: Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.