Vorbild für starke Frauen

„Am grünen Rand der Welt“: Ein Kostümfilm ohne Kitsch

Mit „Am grünen Rand der Welt“ glückte Thomas Vinterberg eine zeitlos spannende Emanzipationsgeschichte. Hauptcharackter Bathsheba Everdene wird Vorbild für zahlreiche starke Frauen.

Verwundert reibt man sich die Augen: Der dänische Regisseur Thomas Vinterberg, bekannt für knallhart realistische, zeitgenössische Dramen wie „Das Fest“ oder „Die Jagd“, hat einen in der Viktorianischen Ära angesiedelten Liebesroman des englischen Dichters Thomas Hardy verfilmt? Vinterberg, der einst mit Lars von Trier das radikal puristische „Dogma 95“-Manifest erfand, hat einen Kostümfilm gedreht? Ja, hat er. Und die Kombination „Thomas & Thomas“ erweist sich als ausgesprochen glücklich.

Erzählt wird die Geschichte von Bathsheba Everdene, einer willensstarken, beherzten Frau, die sich in der Männerwelt des 19. Jahrhunderts ihre Unabhängigkeit bewahren möchte, aber von drei Männern umworben wird. Der erste: Gabriel Oak, ein Kerl wie eine Eiche, ein ehrlicher, bodenständiger Schäfer, doch leider völlig verarmt. Der zweite: William Boldwood, ein älterer Gutsbesitzer, steinreich, doch leider emotional verkümmert. Der dritte: Frank Troy, ein schneidiger Offizier, verführerisch, doch leider ein egoistischer, arroganter Blender. Ausgerechnet er entflammt ihr Herz – und sie gerät in Gefahr, sich von ihm in den Abgrund ziehen zu lassen.

Ausgestattet mit Macken und Widerhaken

Bathsheba ist eine unkonventionelle Frauenfigur, emanzipiert und ihrer Zeit weit voraus: Sie will sich nicht als angeheiratetes Anhängsel zum Sklaven irgendeines Mannes machen. Sie packt kräftig zu, wo mancher Trottel bloß blöd daherredet. Thomas Hardy hat ihr indes keinen Heiligenschein aufgesetzt, sondern sie mit Macken und Widerhaken ausgestattet: Miss Everdene ist launisch, eitel und selbstsüchtig; sie macht schwere Fehler, aber immerhin keinem was vor. So wurde sie zum Vorbild für viele starke Frauen der Literaturgeschichte – von Scarlett O’Hara in „Vom Winde verweht“ bis hin zu Katniss Everdeen (ja, die Namensähnlichkeit ist kein Zufall) in „Die Tribute von Panem“.

Ein Kostümfilm ohne Kitsch

Mit seiner erstaunlich werkgetreuen Verfilmung ist Vinterberg eine zeitlos spannende Emanzipationsgeschichte geglückt, eine bewegende Liebesromanze mit tragischen Einsprengseln. Er hat jeglichen Staub von der Vorlage weggeblasen, sie mit erotischer Energie aufgeladen und auf psychologische Präzision geachtet. Wer nun aber von ihm schlammig-trübe optische Tristesse erwartet, der wird sein grünes Wunder erleben: Vinterberg betört mit opulenten Breitwand-Tableaus, getaucht in leuchtende Farben, gedreht in der traumhaften grünen Hügellandschaft in Englands Südwesten. Das Verblüffende dabei: Er schwelgt in der stimmungsvollen Naturkulisse, ohne in platte Postkarten-Ästhetik zu verfallen. Ein Kostümfilm ohne Kitsch – ein echtes Kunststück! Vinterberg liefert keinen gefühlsduseligen Herzschmerz-Schmachtfetzen à la Rosamunde Pilcher. Vielmehr setzt er auf packende Nahaufnahmen, auf vielsagende Blicke und Gesten – und auf seine großartigen Darsteller. Tom Sturridge („Being Julia“) überzeugt als charmanter Macho Frank ebenso wie Michael Sheen („The Queen“) als einsamer Gutsbesitzer William. Matthias Schoenaerts, der belgische Marlon Brando, der zuletzt in „Die Gärtnerin von Versailles“ zu sehen war, entwickelt als stattlicher, sanftmütiger Naturbursche Gabriel eine beeindruckende Leinwand-Präsenz. Emotionales Zentrum des Films ist allerdings die wie immer fabelhafte Carey Mulligan („Shame“), die die resolute Bathsheba mit eigenwilliger Eleganz und berührender Verletzlichkeit spielt: eine faszinierend facettenreiche Frauenfigur. 

von Marco Schmidt

„Am grünen Rand der Welt“

mit Carey Mulligan 

Regie: Thomas Vinterberg

Laufzeit: 119 Minuten

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Rubriklistenbild: © Twentieth Century/dpa

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