Filmkritik und Kinotrailer

„Die Hälfte der Stadt“ hat beinahe mystische Kraft

In seinem Dokumentarfilm „Die Hälfte der Stadt“ erzählt Pawel Siczek vom Leben des jüdischen Fotografen Chaim Berman – und der Shoah. Hier unsere Filmkritik und der Kinotrailer.

Es gibt unzählige Filme über die Shoah. Nicht alle sind gut, aber viele erfüllen eine Aufgabe: Sie informieren über eine von Menschen erwirkte Katastrophe, die ein anderes Geschichtsbild evoziert hat. Früher dachten die Philosophen, der Fortschritt treibe uns unaufhaltsam der großen Zivilisation entgegen. Heute wissen wir: Der Rückfall in die Barbarei ist immer möglich.

Der Dokumentarfilmer Pawel Siczek nähert sich dem Thema nun auf sehr besonnene, dennoch eindringliche Weise. „Die Hälfte der Stadt“ versucht, die Katastrophe am Leben und Sterben des jüdischen Fotografen Chaim Berman fassbar zu machen. Viele Teile des Films sind in Bermans polnischer Heimatstadt Kozienice entstanden. Zeitzeugen berichten über das Leben eines Menschen, der sich für die Versöhnung von Polen, Juden und Deutschen einsetzte, daran scheiterte und von seinen einstigen Nachbarn in den Tod getrieben wurde. Das Besondere an der Geschichte: Als Fotograf hat Berman ein großes Vermächtnis hinterlassen. Jahrzehntelang blieben seine fast zehntausend Porträts unentdeckt. Siczek lässt sie als stumme Zeitzeugen auftreten. Sie zeigen die Menschen von Kozienice, wie Berman sie erlebte. Durch das Wissen des heutigen Betrachters um den Holocaust, den Zweiten Weltkrieg, den Hass und die Vernichtung, erhalten sie eine fast mystische Bedeutung.

Diese bildliche Kraft verstärkt der Regisseur, indem er Trickfilmelemente einbaut, mit deren Hilfe er Bermans Biografie erzählt. Die eckigen Bewegungen der animierten Figuren, ihre Komik und die darin verborgene Tragik verleihen der Doku besondere Tiefe. Sie vermitteln emotional, was sich mit dem Verstand kaum fassen lässt.

von Katrin Hildebrand

„Die Hälfte der Stadt“

Regie: Pawel Siczek

Laufzeit: 86 Minuten

Dieser Film könnte Ihnen gefallen, wenn Sie sich vom Kino gern zum Nachdenken inspirieren lassen.

Rubriklistenbild: © Snacktv

Kommentare

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