US-Soldaten in Nazi-Deutschland

"Herz aus Stahl" kennt keine Gnade

In „Herz aus Stahl“ befasst sich Regisseur David Ayer kritisch mit der Rolle amerikanischer Soldaten in Nazi-Deutschland

„Wir sind alle etwas traurig – aber wir müssen eine Mission erfüllen“, sagt Sergeant Don Collier (Brad Pitt), beinharter Kerl inmitten des Drecks, der Leichenteile, der blutbespritzten Panzer. Das könnte der Beginn eines Antikriegsfilms à la Hollywood sein: hier die coolen US-amerikanischen Helden, da die verachtenswerten Deutschen. Regisseur David Ayer entschied sich dagegen. Sein Held weint. Versteckt zwar, hinter den Panzern, damit es die Crew nicht mitbekommt. Nach der abgeklärten Ansprache an seine Männer überkommt es ihn, das ganze Elend, die Trauer um die verlorenen Kameraden, die Wut über den widerlichen Sumpf, in dem er steht. Über das vernarbte Gesicht des Sergeants fließen Tränen. Er, den alle „Wardaddy“ – Kriegs-Papi – nennen, darf menschlich sein.

Es ist diese Szene gleich zu Beginn, die deutlich macht, warum noch ein Film über die letzten Stunden vor der Kapitulation Nazi-Deutschlands nicht einer zu viel ist. In diesem Drama geht es um Fragen, die jeden Krieg begleiten: Was richtet das Töten in Soldaten an? Ist an der Front alles erlaubt? Wer ist gut, wer böse?

Fragen, die sich Norman Ellison (Logan Lerman) stellt, ein junger Mann mit Bubi-Gesicht, der eigentlich als Schreibkraft in diese menschenverachtende Hölle geraten ist. Statt zu schreiben, muss er aufs Schlachtfeld. Muss unter Sergeant Colliers Kommando mit im Panzer sitzen.

Seine erste Aufgabe: Blut und Hautfetzen aus dem Inneren des Panzers putzen, Reste des jüngsten Gefechts. Die Kampfmaschine soll innen wieder strahlen. Denn dieser Panzer ist Collier und seiner Crew heilig. Er ist wie eine Höhle für dieses von vielen gemeinsamen Schlachten zusammengeschweißte Team. In ihrem Panzer fühlen sie sich wohl. Eine rollende Burg, die es zu schützen gilt, die sie stark macht und alle Skrupel vergessen lässt.

Für Norman, dieses sensible Milchgesicht, ist das zu viel. Auch im Schutz des Panzers kann er nicht einfach draufhalten. Auf kaum erträgliche Art zwingt ihn der Sergeant dazu, Menschen zu töten. Norman soll lernen, dass in Nazi-Deutschland auch Kinder potenzielle Feinde, Soldaten sein können, die aus dem Hinterhalt schießen. Die Devise: „Feuert  auf  alles,  was  sich bewegt. Selbst wenn es ein Baby mit Buttermesser ist.“ Es sind Sätze wie diese, die die ganze Perfidie des Krieges offenlegen.

Auch deshalb ist „Herz aus Stahl“ anders als viele andere US-amerikanische Anti-Kriegsfilme. Regisseur Ayer ist kritisch der eigenen Geschichte gegenüber. Diese Soldaten folgen stur ihrem Auftrag – und ihrer persönlichen Mission: „Töte so viele, wie es geht!“ Denn: „Das sind keine Menschen, das sind alles Nazis.“ Hier wird jede Moral mit breiten Reifen niedergewalzt, werden alle Unterscheidungen zwischen den Individuen überrollt. Einen Gnadenschuss gibt’s hier nicht. Als brennende Deutsche schreiend vor dem Panzer stehen, heißt es nur: „Lass’ sie brutzeln.“ Es ist Norman, der sie erlöst.

Doch irgendwann versteht auch der junge Mann, was Krieg heißt. Und ballert los. „Fucking Nazis!“ Mit diesem Fluch auf den Lippen, der totalen Entmenschlichung des Feindes, gelingt auch ihm es, seinen Auftrag zu erfüllen.

Einmal fragt der Sergeant: „Warum geben die nicht einfach auf?“ Es ist die entscheidende Frage dieses Films: Warum legt niemand die Waffen nieder? Colliers Kameraden berufen sich auf die Bibel, auf die gerechte Sache. Er selbst hat seinen Glauben längst verloren. Ihre Ideale sind hehr, die Realität brutal.

von Katja Kraft

Rubriklistenbild: © Sony Pictures

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