Das erwartet uns in "Spectre"

Endlich: Heute startet der neue Bond im Kino

"007"-Fans konnten es kaum mehr erwarten, dass der neue Bond-Film endlich ins Kino kommt. Heute ist es soweit: Daniel Craig kämpft gegen Bösewicht Christoph Waltz. Hier gibt's den Kinotrailer und die Filmkritik.

Wer hier speist, kann kein schlechter Mensch sein. Wir sehen in „Spectre“, dem 24. Film der „James Bond“-Reihe, M ermattet in einem stilvoll-altmodischen Lokal sitzen, als er von seiner Assistentin Moneypenny und dem Tüftler Q gestört wird. Die beiden wollen den MI6-Chef über den Verbleib von 007 informieren, doch M will nichts hören und geht. Die Kamera begleitet das Trio nach draußen, und als die drei am Fenster des Restaurants vorbeilaufen, fängt sie für einen Moment den geschwungenen goldenen Schriftzug ein: „Rules“.

Regeln. Der Name verrät viel – über die Figur M, vor allem aber über die Konfliktlinie in Sam Mendes’ Film: Im neuen „Bond“ verläuft diese nicht zuletzt intern. M, den Ralph Fiennes elegant zwischen blasierter Arroganz und Überdruss wandeln lässt, begreift Spionage als Handwerk. Unter seiner Führung übt der MI6 dieses Handwerk nach gewissen Regeln aus. Dagegen geht es dem neuen, länderübergreifenden Centre for National Security (CNS) um die zügellose Kontrolle aller Menschen, um das massenhafte Absaugen von Daten: Drohnen statt Agenten, totale Transparenz der Masse statt Männer, die aus dem Halbdunkel heraus individuell Informationen beschaffen. Karrierejüngling Max Denbigh (Andrew Scott), Codename C, soll das CNS leiten und den MI6 abwickeln. „Das ist die Zukunft – und Sie sind es nicht“, erklärt er M, den das neue Programm natürlich an „George Orwells Albtraum“ erinnert.

Es ist keine Überraschung, dass es eine Verbindung gibt zwischen dem CNS und der krakenhaften Geheimorganisation Spectre, in deren Machtzentrum 007 hier vorstößt. Mendes, der nach „Skyfall“ (2012) zum zweiten Mal einen „Bond“ in Szene gesetzt hat, erzählt diese Geschichte souverän. Wirklich spannend ist sein Film jedoch vor allem durch das elegante Spiel mit Motiven. Während C die Doppelnull-Agenten ausrangieren will, weil er das Programm für antiquiert hält, argumentiert M mit der Entscheidungsfreiheit des Menschen: „Eine Lizenz zum Töten ist zugleich eine Lizenz, nicht zu töten.“

Die Möglichkeit zu wählen ist der Grundakkord, der in dieser Produktion konsequent anklingt. Er findet seine kongeniale Ergänzung im Spiegelmotiv, das die Filmemacher mit traumwandlerischer Sicherheit deklinieren. So muss sich Bond mit seiner eigenen Vergangenheit beschäftigen, um hinter das Rätsel von Spectre zu kommen. Immer wieder wird er dabei auf sich selbst zurückgeworfen. Um den Topos des Doppelgängers Bild werden zu lassen, fängt Hoyte van Hoytemas Kamera Craig vor Spiegeln oder blanken Glasscheiben ein, sieht die Psychologin Madeleine Swann (emanzipiert und geheimnisvoll: Léa Seydoux) im trunkenen Zustand 007 doppelt („Es gibt Sie zweimal“), inszeniert Mendes den Showdown teilweise im Schießstand, wo Bonds Gegner dessen Konterfei aufgehängt haben.

Doch der Regisseur nutzt das Wahl-/Spiegelmotiv nicht nur als dramaturgisches Element. Sein mit 148 Minuten keinesfalls zu langer, gut getakteter Thriller ist derart klug gebaut, dass die Produktion selbst wie gespiegelt wirkt: eingefasst am Anfang und am Ende von Kampfszenen mit einem Hubschrauber. Zudem – und das ist nun wirklich große Kinokunst – nimmt „Spectre“ manches auf, was in den drei Vorgängerfilmen angestoßen wurde.

Wenn etwa Swann und 007 im Zug sitzen, dann doppelt das jene Szene aus „Casino Royale“, als der Agent seine große Liebe kennenlernte: Vesper Lynd, die am Ende den Freitod wählte. Und während in jenem ersten „Bond“ mit Daniel Craig der damalige Gegenspieler Le Chiffre brutal die Genitalien des Agenten folterte, treibt hier Franz Oberhauser dünne Bohrer in Bonds Schädel. Damit schließt sich der Kreis, denn Männlichkeit und Köpfchen, also unerschöpfliche Potenz und überdurchschnittliche Intelligenz, charakterisieren die Figur seit 1962, als Sean Connery „Dr. No“ jagte.

Man kann die vier jüngsten 007-Filme daher als zusammenhängende Geschichte begreifen – diesen Qualitätsschub hat die Reihe erst mit der Verpflichtung Craigs erfahren. Das komplexe, dramaturgisch anspruchsvolle, mehrteilige Erzählen, für das aufwändige US-Fernsehserien zu Recht gefeiert werden, wurde in diesen Produktionen erstmals bewusst auf „Bond“ übertragen. In „Spectre“ findet das Konzept Höhepunkt und Vollendung. Da mögen manche Fans der Vorgänger bedauern, dass mit Craig auch der Schritt weg vom unverwundbaren Märchenritter hin zu einer zutiefst menschlichen Figur mit Schwächen und Abgründen gemacht wurde. Schwitzend, blutend, verletzlich – einmal mehr verleiht der Schauspieler dem Agenten hier wuchtige Präsenz. „Sie sind ein Flugdrache, der im Wirbelsturm tanzt“, charakterisiert ihn treffend sein alter Gegner Mr. White (Jesper Christensen).

Klar, auch „Spectre“ hat ein paar Schwächen: Sam Smiths Titelsong klingt mau, Monica Belluccis Auftritt ist gerade mal ein Quickie in Schwarz, Christoph Waltz wirkt lange Zeit erstaunlich normal, die Actionszenen sind eher Routine und Bonds Wohnung hätte Geheimnis bleiben müssen.

All das mindert jedoch nicht die Stärken des Films – Spannung, Witz, schlagfertige Dialoge. Vor allem aber: wie überzeugend Sam Mendes, dieser am Theater geschulte Regisseur, die kammerspielartigen Momente inszeniert hat, wie virtuos die Macher mit Anspielungen und Verweisen umgehen, wie elegant sie lose Handlungsstränge verknüpfen. Hier rundet sich (fast) alles, sodass sich die Frage stellt, wie es – mit Daniel Craig – noch weitergehen kann. Denn nun ist eigentlich ein unverbrauchter Bond nötig, um der Figur und damit der Reihe eine neue Erzählperspektive zu eröffnen.

Am Ende des Films steht 007 auf einer Brücke und kann einmal mehr wählen – und das gleich zweifach: den Feind töten oder verschonen? Und, nach dieser Entscheidung, Abgang nach links oder nach rechts? Die Antwort auf die erste Frage wird keinen Kenner überraschen. Wie Bond jedoch auf die zweite reagiert, stellt den Zuschauer vor eine Frage: Nimmt sich Craig tatsächlich selbst aus dem Spiel?

„Spectre“

mit Daniel Craig, Christoph Waltz, Léa Seydoux, Monica Bellucci

Regie: Sam Mendes

Laufzeit: 148 Minuten

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Filmkritik: Michael Schleicher / Quiz: Stefan Sessler

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Rubriklistenbild: © dpa

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