„Jud Süss – Film ohne Gewissen“: Neue Bilder altbekannten Grauens

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Wahnsinn im Vergrößerungsglas: Propagandaminister Goebbels (Moritz Bleibtreu, r.) zeigt seine „Helden“ Kristina Söderbaum (Paula Kalenberg) und Ferdinand Marian (Tobias Moretti).

Bei der diesjährigen Berlinale feierte sein Spielfilm „Jud Süss – Film ohne Gewissen“ Premiere, und seitdem ist Roehler zum Buhmann der Kino-Nation geworden. Hier die Filmkritik und der Trailer:

Ein Spielfilm ist ein Spielfilm ist ein Spielfilm – und keine historische Dokumentation. In einem Spielfilm besitzen Regisseur, Produzent und Drehbuchautor alle künstlerische Freiheit, um eine Geschichte zu erzählen. Ohne Anspruch auf faktische Genauigkeit.

Man sollte sich das vor Augen halten angesichts der Empörung, mit der Regisseur Oskar Roehler seit der diesjährigen Berlinale bedacht wird. Da feierte sein Spielfilm „Jud Süss – Film ohne Gewissen“ Premiere, und seitdem ist Roehler zum Buhmann der Kino-Nation geworden. „Enttäuschend und peinlich“ sei der Versuch, das Leben des Schauspielers Ferdinand Marian (gespielt von Tobias Moretti) nachzuerzählen, der 1940 die Hauptrolle in Veit Harlans Nazi-Hetzfilm „Jud Süß“ übernahm. „Grelles Schmierentheater“ und „fragwürdige Geschichtsklitterung“ sei es, die Roehler betreibe.

Die ekstatische Aufregung, die es vor allem in der Berliner Pressevorführung gab, ist nicht so recht zu verstehen. Natürlich ist diese Geschichte nicht nur eine über den Selbstverkauf eines Mannes, sondern vor allem ein bis heute brennend heißes Eisen der deutschen NS-Vergangenheit. Natürlich kann man mit diesem Sujet und den historischen Fakten nicht so arglos umgehen, wie es Roehler in vielen Momenten passiert. Und natürlich sind Szenen wie der obligatorische Bombenbeischlafs kaum erträglich. Doch die kommen inzwischen in nahezu jedem Film über die Nazi-Zeit vor, und peinlich sind sie nicht nur hier.

Aber Roehlers „Jud Süss“ ist in erster Linie eine Satire. Und die darf bekanntlich alles. Sieht man sich den Film unter dieser Vorgabe an, wird klar, dass Roehler mit seiner Farce nur provozieren wollte. Das Regie-Enfant Terrible, bekannt für psychologische wie visuell grelle Übertreibungen, hat mit kolossalem Aufwand die Dreißigerjahre wiederbelebt. Stark stilisiert, in einer weitgehend farbengesättigten Welt, lässt Roehler das Schmierige, Größenwahnsinnige der Nazis auferstehen. Er betrachtet den Wahnsinn durch ein Vergrößerungsglas und schafft neue Bilder altbekannten Grauens. Die hochkarätige Darstellerriege mit Zugpferden wie Martina Gedeck, Moritz Bleibtreu, Armin Rohde oder Justus von Dohnányi spielt sich souverän durch die allzu naive Geschichtslektion.

Der Spagat zwischen Groteske und plausiblem Melodram gelingt manchmal, aber nicht immer. Am Ende drängt sich allerdings eine Frage auf: Warum? Gab es nicht unendlich viele andere, geeignetere Themen für einen Spielfilm? So erscheint „Jud Süss – Film ohne Gewissen“ letztlich als unglaubliche Verschwendung von Energie, Talent und Intelligenz.

Ulrike Frick

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