Alles verraten

Gewaltige Bilder des Mount Everest

Baltasar Kormákur inszenierte in "Everest" die tödliche Katastrophe von 1996 mit gewaltigen Bildern. Doch leider geht er auf die Hälfte des wirklichen Geschehens nicht ein.

Jason Clarke hat eigentlich alles verraten. Alles über die Ideologie des Films. Im Interview mit unserer Zeitung rekapituliert der Schauspieler die Gedanken, die ihm im Mai 1996 durch den Kopf gingen, als er von der Katastrophe am Mount Everest erfuhr: „Wahnsinn! Da verreckt ein Kerl am Mount Everest, während seine Frau in Neuseeland sein Kind austrägt!“ Acht Bergsteiger kamen damals ums Leben. Hauptursache war ein Wettersturz. Doch gab es weitere Gründe, warum die Anzahl der Todesopfer am 10. und 11. Mai so hoch war: Unzählige Menschen drängten auf den Gipfel, darunter zahlreiche Teilnehmer kommerzieller Expeditionen. Viele davon hatten keinerlei Erfahrung mit den extremen Höhen im Himalaya. Und auch die Bergführer fällten Fehlentscheidungen. Der Neuseeländer Rob Hall war einer von ihnen. Seine kommerzielle Expedition hatte die meisten Toten zu beklagen: Neben Hall selbst starben ein Kollege sowie zwei Kunden.

Der Isländer Baltasar Kormákur hat das Unglück nun verfilmt. Kormákur verfügt über Erfahrung mit anspruchsvollen Thrillern, actiongeladenen Dramen und tiefsinnigen Katastrophenfilmen. Da fügt sich „Everest“ nahtlos ein. Denn rein kinematografisch ist das Monumentalwerk durchaus gelungen.

Besondere Note durch den 3D-Effekt

Bergfilme haben stilistisch schon zu Luis Trenkers Zeiten überzeugt. Mit „Everest“ verhält sich das nicht anders. Die Weiten der Felsmassive, Gletscher und Gipfel berauschen selbst Kinofans, bei denen 2000 Meter über Normalnull schon für Schweißausbrüche sorgen. Kühne Kamerafahrten und Totalen forcieren den Eindruck von Mystik und Schönheit. Das funktioniert umso besser, wenn jeder insgeheim ahnt, dass hinter den Schneefeldern Tod und Verderben lauern.

Dass „Everest“ in 3D-Technik produziert wurde, verschafft dem Drama eine ambivalente Note. Muss man ein Unglück, das Menschen in den Tod riss, so effekthascherisch abbilden? Dennoch kann sich wohl kaum einer der Brillanz der Aufnahmen und ihrer metaphorischen Bedeutung entziehen: Da landet im Bildzentrum ein Helikopter mit den Expeditionsteilnehmern, die den ersten Schritt in Richtung Gipfel tun. Währenddessen zittern im Vordergrund die Grashalme. Sie schwingen hin und her wie Bäume, die der Sturm bald niederreißen wird. Schauerlich und schön zugleich.

Vielleicht lieber das Buch lesen, statt den Film zu sehen

Doch ebenso wie einst die Trenker-Filme besitzt „Everest“ neben der starken bildlichen eine fragwürdige ideologische Ebene. Acht Menschen starben damals auf dem Everest. Die drei toten Inder auf der Nordseite des Gipfels ignoriert der Film komplett. Stattdessen konzentriert er sich auf die „westlichen“ Expeditionen Halls (Jason Clarke) und des Amerikaners Scott Fischer (Jake Gyllenhaal) auf der Südseite, beißt sich aber schließlich am Schicksal Halls sowie seines Klienten Beck Weathers (Josh Brolin) fest und ergeht sich in schwülstigen Familienglorifizierungen: Weltstars wie Keira Knightley und Robin Wright dümpeln in devoten Frauennebenrollen vor sich hin (schwangere Freundin, die „sein Kind austrägt“; Gattin, die mit zwei Kindern daheim sitzt und den Mann – an dieser Stelle wird’s schräg – telepathisch vor dem Erfrieren rettet). Zugleich verkommen die anderen Menschen, die auf dem Everest ihr Leben ließen, aber dummerweise kein rechtschaffener Durchschnittsrecke, sondern wahlweise eine Japanerin waren oder gerade keine schwangere Frau in der Heimat sitzen hatten, sondern „nur“ Freunde, Eltern oder nicht-schwangere Partner, zu Nebenfiguren. Dem Unglück angemessener wäre gewesen, die Gründe für das zentrale Element der Katastrophe herauszuarbeiten: die Wahnsinnstat, als Mensch in eine lebensfeindliche Zone vorzudringen. Eine solche Analyse hat der Journalist Jon Krakauer, der 1996 mit am Gipfel war, in seinem Buch „In eisige Höhen“ versucht. Wem der Film zu platt ist, der sollte es lesen.

„Everest“

Mit Jason Clarke, Josh Brolin, Jake Gyllenhaal 

Regie: Baltasar Kormákur

Laufzeit: 122 Minuten

Dieser Film könnte Ihnen gefallen, wenn Sie wie die Rezensentin Bergfilme wegen ihrer Landschaftsaufnahmen lieben. 

Katrin Hildebrand

Rubriklistenbild: © Universal Pictures Germany/dpa

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