Roman Polanskis Kammerspiel

"Der Gott des Gemetzels" erstmals im Free-TV

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Das Wohnzimmer wird in "Der Gott des Gemetzels" zum Schlachtfeld: Nancy (Kate Winslet) rettet ihre Habseligkeiten, ihr Mann Alan (Christoph Waltz) und Penelope (Jodie Foster) schauen ihr dabei zu.

„Der Gott des Gemetzels“ von Roman Polanski wurde am Montag erstmals im Free-TV gezeigt. Unsere Filmkritik und den damaligen Kinotrailer, gibt es hier:

Ein einmaliges Kammerspiel mit herausragenden Hauptdarstellern ist Roman Polanski mit "Der Gott des Gemetzels" gelungen. Die ARD zeigte den Film am Montag um 20.15 Uhr erstmals im Free-TV und lockte mit der Komödie 3,61 Millionen (12,5 Prozent) Zuschauer vor den Bildschirm.

Filmkritik zu "Der Gott des Gemetzels"

Hier stimmt alles. Roman Polanskis „Der Gott des Gemetzels“ ist eines jener seltenen Kino-Ereignisse, die ohne Fehler sind. Das macht diesen Film zur Rarität und zum Glücksfall. Dafür gibt es mehrere Gründe, allen voran die Geschichte. Mit „Der Gott des Gemetzels“ hat Yasmina Reza ein großartiges Kammerspiel geschrieben, das bereits kurz nach der Uraufführung vor fünf Jahren in Zürich Erfolge auf quasi allen Theaterbühnen dieser Welt feierte. Die französische Dramatikerin erzählt von zwei Pariser Ehepaaren, die sich treffen, weil sich ihre elfjährigen Söhne geprügelt haben, dabei hat einer dem anderen Zähne ausgeschlagen. Die Eltern wollen den Vorfall vernünftig aus der Welt schaffen, doch das Schlichtungsgespräch eskaliert: Vorurteile werden zelebriert, es kommt zum Streit – zwischen den Paaren, unter den Partnern. Allianzen werden geschmiedet und ebenso schnell wieder aufgekündigt. Bald ist das Wohnzimmer ein Schlachtfeld, bald huldigen alle dem „Gott des Gemetzels“.

Reza zeigt in ihrem klug komponierten Stück, das keinen Ortswechsel kennt, wie dünn die Haut der Zivilisation und des kultivierten bürgerlichen Umgangs ist, wie rasch sie reißen kann. Die Autorin hat die Charaktere ihrer Protagonisten scharf herausgearbeitet und zugespitzt, ohne die vier Figuren zu verraten – zur (Wiedererkennungs-)Freude der Zuschauer.

Roman Polanski konnte Reza gewinnen, für die Kinoadaption das Drehbuch gemeinsam mit ihm zu schreiben. Auch das ist ein Grund, weshalb sein Film so sehr gelungen ist. Niemand kennt die Dramaturgie der Dialoge und die Charaktere der Figuren besser als die Autorin.

Viel ändern mussten beide freilich nicht: Bereits für die Broadway-Premiere des Stücks wurde der Schauplatz von Paris nach New York verlegt. Der Film behält das bei – wobei Polanski in Paris gedreht hat, da er nach wie vor nicht in die USA reisen kann.

Ein einziger Drehort im ganzen Film

Die größte Herausforderung der Inszenierung hat Polanski mit schier unglaublicher Leichtigkeit gemeistert, der die konzentrierte Arbeit, die dahintersteckt, nicht anzumerken ist: Eine Geschichte, die einzig an einem Ort spielt, mag für die Bühne ideal einzurichten sein. Einem Kinofilm ohne Schauplatzwechsel droht jedoch Langeweile. Polanski schafft kleine Fluchten, bei Vor- und Abspann ist etwa der Spielplatz, der „Tatort“, zu sehen. Beim Treffen der Eltern ist die Kamera nah an den Figuren, folgt ihnen durch die Wohnung und ins Treppenhaus, wohin Polanski einen Teil des Streits verlagert. Natürlich dominieren Close-Up und Halbtotale, die den Zuschauer in den Bann der Schauspieler ziehen.

"Der Gott des Gemetzels": Hauptdarsteller in Bestform 

Sie sind der größte Trumpf, den Polanski ausspielen kann: Jodie Foster, Kate Winslet, Christoph Waltz und John C. Reilly haben sichtlich Freude, einmal nicht festgelegte Typen darstellen zu müssen, sondern vor den Augen der Kamera Charaktere entwickeln zu können – durch Sprache, Gestik, Mimik. Sie machen in jedem Moment nachvollziehbar, was ihre Figuren umtreibt. Sie spielen auf den Punkt genau.

So wurde aus vier wunderbaren Schauspielern, einem tragikomischen und stets wahrhaftigen Drehbuch, einer klugen Regie und einer intelligenten Kameraarbeit eine großartige Ensembleleistung. Oder kurz: Ein Film, bei dem alles stimmt.

Michael Schleicher

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