Nervenzerfetzend: "The Grey – Unter Wölfen"

+
Als Scharfschütze John zeigt Liam Neeson in „The Grey – Unter Wölfen“ eine der eindruckvollsten Leistungen seiner bisherigen Schauspielkarriere.

Regisseur Joe Carnahan ist mit „The Grey – Unter Wölfen“ ein nervenzerfetzender, philosophisch angehauchter Thriller gelungen. Hier sehen Sie den Kinotrailer und die Filmkritik.

Nach dem Unfalltod seiner Ehefrau vor drei Jahren hat sich Liam Neeson wie nie zuvor in die Arbeit gestürzt – und dabei bisweilen nur Dutzendware abgeliefert. Doch in „The Grey – Unter Wölfen“ zeigt der nordirische Hüne eine der eindrucksvollsten Leistungen seiner Karriere: als Protagonist eines erschütternden, archaischen Dramas, gegen das sein berühmtes Jedi-Ritter-Abenteuer wie ein gemütlicher Sonntagsausflug wirkt.

Sind Sie ein Kino-Kenner? Die besten Filmzitate

Sind Sie ein Kino-Kenner? Die besten Filmzitate

Neeson spielt den Scharfschützen John, der in einer Erdölraffinerie in Alaska die Bohrarbeiter gegenüber Angriffen durch wilde Tiere verteidigen soll. Auf dem Heimflug nach Kanada stürzt das Flugzeug mit den Arbeitern ab, und nur ein paar Männer überleben – fern jeglicher Zivilisation, mitten in der Eiswüste, wo nicht nur der baldige Tod durch Erfrieren und Verhungern droht, sondern auch reißende Schluchten und reißende Wölfe lauern: Ein riesiges Raubtier-Rudel macht gnadenlos Jagd auf die menschlichen Eindringlinge.

Zu Beginn sieht man John, der durch den tragischen Verlust seiner Frau jeglichen Lebensmut verloren hat und sich die Schrotflinte in den Mund steckt, aber im letzten Moment durch Wolfsgeheul am Abdrücken gehindert wird. Im Laufe des Films zeigt Liam Neeson auf packende Weise, wie ausgerechnet diese gebrochene Kreatur zum Leitwolf des Menschenrudels avanciert: Die Überlebensinstinkte in John erwachen, weil er am Ende der Welt die Chance auf einen neuen Anfang wittert.

Raue Kerle kämpfen in der rauen Wildnis ums nackte Überleben: Autor und Regisseur Joe Carnahan wirft in seinem nervenzerfetzenden, philosophisch angehauchten Thriller existenzielle Fragen auf, lässt die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen und wagt einen Blick in finsterste Abgründe der menschlichen Seele. Dabei bietet er kein aufgemotztes Spektakel mit simulierten Stürmen im Studio, sondern setzt auf gnadenlosen Realismus: Gedreht wurde tatsächlich bei klirrender Kälte in British Columbia. In der gottverlassenen Einöde, deren Palette etwa von bleigrau bis blaugrau reicht, setzen nur Blutspritzer bisweilen Farbakzente.Die weitgehend vorhersehbare Handlung folgt dem Zehn-kleine-Negerlein-Prinzip, die Nebenfiguren bleiben reine Stereotypen, und die teilweise digital animierten Wölfe sind wahrlich keine Geniestreiche. Doch all das tut der atemberaubenden Spannung keinen Abbruch: Carnahan jagt sowohl Liam Neeson als auch die Zuschauer unerbittlich durch die graue Hölle; er beschleunigt oder drosselt nach Belieben das Tempo und unterbricht emotionale Momente ohne Vorwarnung durch Schockeffekte. Kurz gesagt: Er inszeniert mit eisiger Präzision – knallhart, konsequent, kompromisslos. Kleiner Tipp: Nach dem Abspann geht der Film noch weiter!

Marco Schmidt

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.