Küss den Frosch

München - Kreativ-Chef John Lasseter rettet mit dem Kinofilm „Küss den Frosch“ die große Tradition des Disney-Zeichentrickfilms. Lesen Sie hier, warum sie diesen Film nicht verpassen sollten.

Und wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her: Viel hat nicht gefehlt, und eine der schönsten und ureigensten Kunstformen des 20. Jahrhunderts wäre perdu gewesen. Als John Lasseter einst die hüpfende, computeranimierte Schreibtischlampe „Luxo Jr.“ anknipste, konnte er ja nicht ahnen, dass er damit drauf und dran war, seinen geliebten Vorbildern den Saft abzudrehen. Doch der Erfolg seiner späteren, brillanten Pixar-Langfilme von „Toy Story“ bis „Oben“ ließ die klassische, handgezeichnete Animation ins Hintertreffen geraten.

Inzwischen aber ist Lasseter selbst Kreativ-Chef bei Disney – und sorgt dafür, dass die Revolution ihre Ahnen ehrt: Er versammelte etliche der größten Animatoren der letzten Disney-Ära, bevor ihr Handwerk verloren, der Traditionsbruch endgültig gewesen wäre. Wie der letzte große Befreiungsschlag „Arielle“ sucht „Küss den Frosch“ eben nicht den tödlichen, anbiedernden Kompromiss an einen vermeintlich veränderten Geschmack. Sondern ist mit vollem Herzen, mit großer Geste und ausladenden Musical-Nummern, mit derbem Slapstick für die Kleinen und wahrer Liebe für die Großen die Re-Animation der klassischen Disney-Königsformel, die der Prolet „Shrek“ so kleinmütig anzupinkeln suchte.

Bilder aus "Küss den Frosch"

Disney-Zeichentrick: „Küss den Frosch“

Man merkt schnell, was einem gefehlt hat – spätestens bei „Almost there“/„Ganz nah dran“: In dem Song malt sich die schwarze Kellnerin Tiana ihre Träume vom eigenen Restaurant in großartig stilisierten Art-Deco-Farben aus. Zu solch fantastischen Momenten schwingen sich auch die besten computeranimierten Filme mit ihrem Pseudo-Fotorealismus nie auf. Doch nicht alles ist Nostalgie. Zwar nimmt „Küss den Frosch“ ein Grimm-Märchen als Vorlage, den „Froschkönig“, mit einer witzigen Volte: Als Tiana dem per Voodoo zur Amphibie gemachten Hallodri-Prinzen Naveen den vermeintlichen Erlösungs-Schmatz gibt, wird sie selbst zum grünen Hüpfer. In bester Screwballkomödien-Manier muss das unfreiwillige Paar zusammenarbeiten, um sich zurückzuverwandeln.

Doch wo Urvater Walt stets das US-Publikum in ein Fantasie-Europa der tausendundeinen kunsthistorischen Einflüsse entführte, holt man hier erstmals den Stoff ganz nach Amerika. Heimlicher Hauptdarsteller ist ein idealisiertes New Orleans Anfang des 20. Jahrhunderts. „Küss den Frosch“ feiert es als ein brodelnder Gumbo (Eintopf aus den Südstaaten) der Kulturen. Woraus in der Synchro ein noch genießbarer Pichelsteiner wird. Randy Newman ist dazu der perfekte Komponist: Weil er all die lokalen Stile massentauglich verarbeitet, ohne sie zu verraten. Und er die Verbindung von augenzwinkernder Ruppigkeit mit wahrem Sentiment beherrscht.

Anfangs spürt man dem Film noch etwas an, wie bewusst er an seiner Verantwortung trägt, das Erbe zu retten, zugleich erstmals eine afro-amerikanische Heldin zu präsentieren. Er will alles richtig machen, eiert eher um sein Thema – den Unterschied zwischen dem, was man sich wünscht, und dem, was man wirklich braucht. Aber dann surrt Ray daher: ein ziemlich ramponiertes Bayou-Glühwürmchen. Mit einer unsterblichen Liebe zu Evangeline, die er für das schönste Blinkinsekt – Evangeline ist das Leuchten des Abendsterns. Und ab Rays Auftritt mit der unerfüllbaren Sehnsucht des funzelnden Käferchens findet „Küss den Frosch“ sein wahres Herz und beginnt zu strahlen.

von Thomas Willmann

„Küss den Frosch“

von John Musker, Ron Clements

Hervorragend: 5 Sterne

Rubriklistenbild: © dpa

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