Kinokritik zum Bibel-Epos

"Noah": Mächtiges Mannsbild aus Papier

Berlin - Einer der spannendsten Regisseure Hollywoods, Darren Aronofsky, geht in „Noah“ trotz manchem guten Ansatz vor der Wucht der biblischen Vorlage in die Knie. Unsere Filmkritik:

Der Weltuntergang gehört zur DNA des Kinos. Ob Eiszeit („The Day after Tomorrow“), Sonneneruptionen („2012“), Pandemie („Contagion“) oder welcher Grund auch sonst den Drehbuchautoren einfällt: Das Ende der Menschheit wird gern auf Leinwänden gezeigt. Je ausgefeilter und leistungsstärker dabei die Computertechnik, desto bildgewaltiger wird die Menschheit dahingerafft und der blaue Planet in Ödnis verwandelt. Spielten diese Geschichten zuletzt in nicht allzu weit entfernter Zukunft, beschäftigt sich Darren Aronofsky jetzt mit einem alten Untergangsstoff: Sehr frei nach 1. Mose, Kapitel 6, 7, 8 und 9 erzählt der Regisseur oft überraschend heutig (trotz wildem historisierendem Konstümmix) von Noah. Und von dessen Kämpfen vor, während und nach der Sintflut, die Gott über die Erde brachte, „zu verderben alles Fleisch, darin Odem des Lebens ist, unter dem Himmel“.

Seit seinem Debüt „Pi“ (1998) über ein Mathe-Genie am Rande des Wahnsinns zählt Aronofsky zu den spannendsten Regisseuren Hollywoods. In seinen Filmen zeigte der New Yorker bislang gern den Menschen in seinen Widersprüchen und seiner Zerrissenheit; den Menschen, der an sich selbst zu scheitern droht. Etwa in „Der Wrestler“ (2008): Mickey Rourke spielte Randy Robinson, der erst lernen musste, seine Schwächen zu akzeptieren, bevor er das Leben meistern konnte. In „Black Swan“ (2010) interessierte sich Aronofsky dann für die junge, von Natalie Portman verkörperte Primaballerina Nina, die sich vom krankhaften Ehrgeiz der Mutter ebenso emanzipieren musste wie von ihrem eigenen, bevor sie den Tanz ihres Lebens tanzen konnte. Kurz: Dieser Regisseur hat stets die inneren Stürme seiner Protagonisten im Blick. Daher hatte man ihn auch nicht unbedingt als Sintflut-Choreographen auf der Liste, gleichwohl er seit Jahren über „Noah“ nachdenkt.

Wer Aronofskys Schaffen kennt, den überrascht nicht, dass er bei seiner Interpretation des biblischen Stoffes die Konflikte innerhalb Noahs Familie ins Zentrum rückt. Dazu erzählt er die Genesis-Geschichte, wie es ihm gefällt. So rettet sich etwa auch Noahs Widersacher Tubal-Kain, ein Nachfahre Kains, auf die Arche. Noahs Sohn Ham versteckt diesen Widerling aus Hass auf den Vater, der Hams Freundin nicht mit aufs Schiff nahm. Was Enttäuschung und Wut aus Menschen machen können, ist grauenhafter, als wenn der Himmel alle Schleusen öffnet und die „Brunnen der großen Tiefe“ aufbrechen.

Freilich ist die Vernichtung der Welt – zumal in 3D – wuchtig in Szene gesetzt. Der Regisseur rekapituliert zudem im Zeitraffer die Erschaffung der Welt, die Vertreibung aus dem Paradies sowie den tödlichen Bruderstreit zwischen Kain und Abel. Die Geschichte Noahs ist für Aronofsky die Geschichte des großen Neustarts durch Überwindung der Erbsünde. Dabei gelingen ihm klug geschnittene Sequenzen, für die sein Kameramann Matthew Libatique eindrucksvolle, gut komponierte Bilder gefunden hat.

Doch wenn es um jene Kerne der biblischen Erzählung geht, die den Glauben fordern, dann drückt sich der Regisseur um die Inszenierung oder geht vor der religiösen Wucht des Textes schlicht in die Knie. Das ist dann oft unfreiwillig komisch. So werden etwa die Tiere auf der Arche kurzerhand betäubt, damit sie sich während der Zeit auf See nicht gegenseitig fressen. Klingt zunächst logisch, wirkt aber skurril und ist vor allem: Feigheit vor der Vorlage.

Mächtiges Mannsbild aus Papier

Interessanter ist dieser Film dagegen immer dann, wenn er nah an der Figur Noah ist. Russell Crowe zeigt ihn als zupackendes Mannsbild und egozentrischen Patriarchen – leider aber auch oft so grob geschnitzt wie die Sätze, die er von sich gibt: „Die Zeit der Gnade ist vorbei. Jetzt beginnt die Bestrafung.“ Während Aronofsky beim „Wrestler“ oder bei „Black Swan“ lustvoll und gewissenhaft das Innenleben der Charaktere ausleuchtete, scheint bei Noah mehr behauptet statt durchdacht zu sein. Crowe mag ein Baum von einem Mann sein – seine Figur wirkt wie aus Papier. Schade, denn die Vernichtung der Erde durch Gott nutzt Aronofsky, um Menschen auf engem Raum zusammenzusperren und zu beobachten, wie sie miteinander umgehen. Und das hätte richtig spannend werden können – wären die Charaktere so tief wie das Meer, auf dem die Arche treibt.

Michael Schleicher

Rubriklistenbild: © Niko Tavernise/Paramount Pictures

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