Kinotrailer und Filmkritik

Seilloses Durcheinander in „A Perfect Day“

„A Perfect Day“ balanciert zwischen Komödie, Tragödie, Roadmovie, Kriegsgroteske – und ist dabei ungeheuer spannend

Der Titel ist natürlich pure Ironie: Dieser Tag, irgendwann im Jahr 1995, irgendwo auf dem Balkan, beginnt mit einer Katastrophe – und von da an geht es immer weiter bergab.

Jemand hat eine Leiche in einen Brunnen geworfen, um das Trinkwasser zu verseuchen. Mitarbeiter einer internationalen Hilfsorganisation, angeführt von dem Melancholiker Mambrú (Benicio Del Toro) und dem Zyniker B (Tim Robbins), sollen den Toten bergen. Doch schon die vermeintlich simple Suche nach einem geeigneten Seil erweist sich als Herkulesarbeit: Die humanitären Helfer stoßen nicht nur auf verminte Kuhkadaver, sondern auch auf dickköpfige Dörfler, marodierende Milizen und bornierte Bürokraten. Mission impossible?

Diese Jagd nach einem Seil entpuppt sich auch als erzählerischer Drahtseilakt – der Film balanciert permanent im Niemandsland zwischen Komödie, Tragödie, Roadmovie und Kriegsgroteske. Autor und Regisseur Fernando León de Aranoa beherrscht dieses Kunststück meisterhaft. Er ist sozusagen das spanische Pendant zu Ken Loach: Seit seinem Meisterwerk „Montags in der Sonne“ wagt sich der vielfach preisgekrönte Madrilene stets an schwierige Themen, verwurstet sie aber nicht zu drögen Sozialdramen, sondern verpackt sie in wunderbar unterhaltsame Spielfilme, durchzogen von Humanismus, Hoffnung und herrlichem Humor.

Nachdem León de Aranoa einst diverse Dokumentarfilme über Hilfsorganisationen in Krisengebieten drehte, hat er nun mit „A Perfect Day“ einen Roman der „Ärzte ohne Grenzen“-Mitarbeiterin Paula Farias verfilmt. Trotz des Verzichts auf Explosionen oder Schießereien versteht er es, eine ungeheure Spannung zu erzeugen. Indem er die Schraube der Absurdität immer weiter anzieht, führt er uns den Irrsinn des Krieges eindrucksvoll vor Augen. Er bietet originelle Kameraeinstellungen, traumhafte Landschaftsaufnahmen, einen interessanten Soundtrack und fabelhafte Darsteller: Benicio Del Toro lässt als Mambrú hinter der Fassade der coolen Socke tiefe seelische Schrammen und eine berührende Verletzlichkeit durchschimmern. Tim Robbins verkörpert den ruppigen Adrenalin-Junkie B mit dramatischer Intensität und komödiantischem Timing. An der Seite der beiden alten Hasen überzeugt Mélanie Thierry in der Rolle eines idealistischen Grünschnabels, während Olga Kurylenko als knallharte Controllerin und Mambrús Ex-Liebhaberin für zusätzlichen Sprengstoff sorgt.

Für die vier „Kriegsklempner“ ist schwarzer Humor oft die wirksamste Waffe im Kampf gegen den alltäglichen Wahnsinn. Dabei entwickelt das Figuren-Quartett eine faszinierende Dynamik – und dank einer Menge Sprachwitz und Situationskomik kommt man tatsächlich beschwingt aus dem Kino.

von Marco Schmidt

„A Perfect Day“

mit Benicio Del Toro, Tim Robbins

Regie: Fernando León de Aranoa

Laufzeit: 106 Minuten

Dieser Film könnte Ihnen gefallen, wenn Sie „M.A.S.H.“ mochten.

Rubriklistenbild: © X-Verleih/dpa

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