Film der Woche

"Phoenix": Suche nach dem neuen alten Leben

München - Im neuen Nachkriegsdrama "Phoenix" von Christian Petzold sucht die Holocaust-Überlebende Nelly, der die Nazis das Gesicht entstellt haben,  nach ihrem alten Leben und ihrer großen Liebe. Die Kritik:

Am Ende dieses Films versteht man vieles von dem, was kommen wird. Mit den letzten Einstellungen von „Phoenix“ deutet Regisseur Christian Petzold voraus auf die stummen Fünfzigerjahre, auf die Unfähigkeit und den Unwillen vieler Deutscher, über das zu reden, was geschehen war. Wir sehen in diesem Moment, wie die jüdische Sängerin Nelly Lenz, die Auschwitz überlebt hat, Kurt Weills „Speak Low“ interpretiert, das musikalische Motiv dieses Films. Nellys Publikum sind Freunde aus der Zeit vor dem Krieg, darunter Nazi-Sympathisanten und Mitläufer; am Klavier sitzt ihr nicht-jüdischer Ex-Mann. Johnny hat sie möglicherweise verraten und so ins KZ gebracht. Bislang wusste Johnny nicht, wer Nelly ist. Dann begreift er – während die Gesichter der Zuhörer vom Verdrängen künden. War was?

„Phoenix“ ist der sechste Film, den Petzold mit seiner Hauptdarstellerin Nina Hoss realisiert hat. Wieder einmal erzählen sie von deutscher (Zeit-)Geschichte, wieder einmal fordern sie ihrem Publikum einiges ab. „Phoenix“ braucht Zeit und nimmt sich diese auch – trotz des Risikos, im Mittelteil Zuschauer zu verlieren. Zudem wirkt der Film in vielen Momenten falsch, schwerfällig, unentschieden – doch lohnt es, sich darauf einzulassen.

Hoss spielt die Auschwitz-Überlebende Nelly, die im Juni 1945 an Leib und Seele schwer verwundet und mit entstelltem Gesicht in ihre alte Heimat Berlin gebracht wird. Mitten unter Mörder, Dulder, Wegschauer. Kaum von der Gesichts-OP genesen, macht sich Nelly auf die Suche nach ihrem Ex-Mann Johnny. Es ist ein perverses Spiel, das sich zwischen den beiden entspinnt. Eine makabre Maskerade: Da Johnny sie für tot hält, erkennt er Nelly nicht, sieht aber in der großen Ähnlichkeit zwischen der Rückkehrerin und seiner Ex-Frau seine Chance: Er überzeugt Nelly, in die Rolle der Totgeglaubten zu schlüpfen – um ans Erbe von Nellys Familie zu kommen. Die junge Frau willigt ein, ihre Doppelgängerin zu spielen. Aus Liebe? Um endlich herauszufinden, was war? Nina Hoss hält das geschickt in der Schwebe – wie der ganze Film mit Zwischentönen spielt.

Einzig Johnny hebt sich davon zunächst noch ab: Ronald Zehrfeld zeigt ihn zupackend, der Zukunft zugewandt, seine Gelegenheiten erkennend und nutzend. Ein Mann ohne Vergangenheit – wir werden wenig erfahren, was er in der Nazizeit gemacht hat. Eine Figur, in der die junge Bundesrepublik angelegt ist. Johnny schaut nach vorn, das kaum Vergangene hat er bereits verdrängt.

Wie zu Beginn des Films der Chirurg Nellys Gesicht operativ rekonstruierte, baut sich nun der Ex-Mann ein optisches Idealbild seiner Frau. Lippenstift, perfekte Frisur, rotes Kleid und Schuhe aus Paris – so inszeniert Johnny die Rückkehr Nellys aus dem Lager. Als die verstörte Frau einwendet, dass kein KZ-Überlebender wie ein Filmstar heimkomme, antwortet er lapidar: „Doch, sonst schaut dich niemand an.“ Eine Schrecksekunde lang zeigt Hoss, wie Nelly bei diesem Satz in sich zusammenfällt, zerbricht an der Erkenntnis, dass keiner sich für ihre Geschichte interessiert.

Petzold inszeniert „Phoenix“ im Stil eines Kammerspiels, doch mit der Sprache des Film noir: Harte Schlagschatten zerklüften die Trümmerstadt, in deren dunklen Ecken sich Jazzclubs wie der „Phoenix“ auftun, wo die Sieger feiern und Johnny Hilfskeller ist. Petzolds Kameramann Hans Fromm findet ruhige, in ihrer Beharrlichkeit oft unbequeme Einstellungen. So übersetzen Regisseur und Bildgestalter den emotionalen Druck, unter dem Nelly steht, sehr nachvollziehbar auf die Leinwand.

Am Ende, bei „Speak Low“, ihrem Auftritt vor den Freunden von einst, wird Johnny zum ersten Mal seine Ex-Frau erkennen. Und Nelly wird begreifen, dass eine Rückkehr in ihr altes Leben kaum möglich ist. War was? (In München: Studio Isabella, Münchner Freiheit, City, Rio, Kino Solln.)

„Phoenix“

mit Nina Hoss, Ronald Zehrfeld, Nina Kunzendorf

Regie: Christian Petzold

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von Michael Schleicher

Rubriklistenbild: © Christian Schulz/Pfiffl

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