Alltag als "normaler Mensch"

Politiker Undercover: Wirbel um Reality-TV

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Einen Tag saß ein ehemaliger französischer Verkehrsminister im Rollstuhl. Die neue Perspektive eröffnete ihm ungeahnte Erkenntnisse.

Paris - Politikern wird oft vorgeworfen, sie wüssten nicht, wie normale Bürger leben. Für ein Reality-Format mischten sich jetzt welche verkleidet unters Volk - und erlebten ihr blaues Wunder.

Ein ehemaliger Verkehrsminister quält sich im Rollstuhl durch die Straßen, ein früherer Parlamentspräsident entdeckt die Probleme einer Krankenhaus-Notaufnahme, und eine sozialistische Senatorin erfährt am eigenen Leib, was es heißt, wenn man als geschiedene Mutter eine Wohnung suchen muss. Mehrere französische Politiker sind der Einladung des Fernsehsender D8 gefolgt und einen Tag lang in die Haut eines einfachen Bürgers geschlüpft. Doch noch bevor die Reality-Sendung im kommenden Jahr ausgestrahlt werden soll, hat sie eine hitzige Polemik ausgelöst.

Journalistischer Feldversuch oder effekthascherische Doku-Soap? An der Sendung mit dem Arbeitstitel "Monsieur et Madame Tout-le-Monde" ("Herr und Frau Jedermann") scheiden sich die Geister. Die Idee hinter dem Format: Die oft als abgehoben und realitätsfern verschrieenen Politiker sollen sich inkognito unter das Volk mischen - und so den Alltag der Franzosen hautnah miterleben.

Damit das funktioniert, werden die Politiker verkleidet, mit Perücken, falschen Bärten und angezogen wie Normalbürger. Für den Produzenten Olivier Hallé ist das der wesentliche Punkt: "Solange Politiker in ihrer Funktion auftreten, wird ihnen nichts bewusst", erläutert er der Nachrichtenagentur AFP. Die Idee mit der Verkleidung sei vielleicht "spektakulär", aber nur so könne das Experiment klappen.

Ex-Verkehrsminister Thierry Mariani stimmt dem zu. Er habe in seinem Ministerium dutzende von Vermerken über die Probleme von Rollstuhlfahrer gelesen, versichert der Politiker der konservativen Ex-Regierungspartei UMP. "Doch wenn man selbst 24 Stunden lang im Rollstuhl sitzt, ist das etwas anderes."

Der frühere Präsident der Nationalversammlung und gelernte Hals-Nasen-Ohrenarzt Bernard Accoyer hat bei seinem Undercover-Einsatz im weißen Ärztekittel neue Erkenntnisse über die Probleme der zumeist chronisch überlasteten Notaufnahmen erworben. Accoyer habe in seinen politischen Ämtern zahlreiche Krankenhäuser besucht, sagt ein Vertrauter des Politikers. Doch inkognito habe er erstmals "ungefiltert" mit dem Pflegepersonal diskutieren können.

Der linke Regionalpolitiker Jean-Luc Romero schließlich berichtet von seinen Auftritten als Aktivist einer proeuropäischen Bewegung. Er sei "schockiert" gewesen über die vielen rassistischen und ausländerfeindlichen Bemerkungen, die er gehört habe. "Es gibt Dinge, die man einem nicht sagt, wenn man ihn kennt."

Französischen Politikern wird seit langem vorgeworfen, in ihrer eigenen, privilegierten Welt zu leben, fern von den Alltagsproblemen der Franzosen. Minister blamierten sich, als sie zugeben mussten, den Preis für eine Baguette oder ein Metro-Ticket nicht zu kennen.

Dennoch stößt die ungewöhnliche Sendung bei vielen Politikern auf Kritik. "Wenn die sich verkleiden müssen, um das wahre Leben zu sehen, dann haben sie ein Problem", monierte der konservative Ex-Premier François Fillon. Die Sache sei aber noch schlimmer: "Dies ist eine Perversion der politischen Debatte", sagte Fillon. Hier würden "Politik und Belustigung vermischt".

Auch die frühere Wohnungsbauministerin und Grünen-Abgeordnete Cécile Duflot hält nichts von der politischen Reality-Show. "Ich muss mich nicht verkleiden, um im Supermarkt einzukaufen, meine Kinder zur Schule zu bringen und normal zu leben", ätzte sie im Radiosender France Info. Sie sei wohl selbst keine echte Politikerin. Auch UMP-Interims-Generalsekretär Luc Chatel hält wenig von dem Format: "Was wir brauchen ist Realität, kein Reality-TV."

Dem Produzenten Hallé wird auch vorgeworfen, es vor allem auf spektakuläre Effekte abgesehen zu haben. So wollte er Politiker als Obdachlose und Aktivisten der rechtsextremen Front National verkleidet losschicken.

Hallé will die Vorwürfe nicht gelten lassen: Seine Arbeit sei "dokumentarisch", kein "Reality-TV". Geplant sind laut Presseberichten zunächst vier Sendungen von jeweils 60 Minuten. Bei Erfolg könnte eine zweite Staffel folgen - weitere Politiker sollen bereits zugesagt haben.

afp

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