Traum vom Boxen

Im Ring des Lebens: "Creed - Rocky's Legacy"

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Michael B. Jordan (l) als Adonis Johnson und Sylvester Stallone als Rocky Balboa in "Creed - Rocky's Legacy".

München - Mit „Creed“ setzt Regisseur Ryan Coogler die „Rocky“-Reihe fort – und etabliert zugleich eine neue Geschichte. Ein hervorragender Film mit vielen vertrauten Elementen.

Da geht er mit seinem Trainer und den Betreuern den grell ausgeleuchteten Gang entlang. Die Kamera folgt der Gruppe, und wir bekommen eine Ahnung, was diese paar Meter zwischen dem geschützten Raum der eigenen Kabine und dem Boxring in der Mitte der Arena für den Athleten bedeuten müssen. Diese Strecke kennt nicht jene Helden, als die das Fernsehen die Boxer so gern präsentiert: Hier ist der Sportler allein – und weiß es.

Reduziert, doch sehr bewusst hat Regisseur Ryan Coogler den letzten Weg inszeniert, den Adonis Johnson zu seinem ersten Titelkampf zurücklegen muss. Beinahe physisch spürbar ist das bedrohliche Brodeln der Masse in der Halle, die natürlich auf der Seite ihres Mannes, des Champions, ist. Johnson kämpft hier nicht nur gegen einen anderen Boxer, er tritt gegen das Publikum an. Einsam ist er, unter Tausenden von Menschen.

Da Coogler nicht nur Ahnung vom Filmemachen hat, sondern auch etwas weiß über den Sport, um den es in „Creed – Rocky’s Legacy“ geht, lässt er den Trainer in dieser Szene ein paar Worte zu seinem Schützling sagen – just in dem Moment, als sie den Gang verlassen und hinaustreten in den gellenden Lärm der Halle. Ablenken muss er seinen Athleten, Abfedern die Wucht der Ablehnung durch das Publikum, das weiß dieser Box-Fuchs, der einst selbst Champ war – sonst ist der Kampf vor der ersten Runde verloren.

„Creed“ ist der siebte Film der „Rocky“-Reihe, jener Boxer-Saga, die der Autor und Hauptdarsteller Sylvester Stallone ersonnen hat – und deren erster Teil (1976) mit drei Oscars ausgezeichnet wurde. Zugleich etabliert „Creed“ einen neuen Erzählstrang. Titelheld – und „Rockys Vermächtnis“ – ist Adonis Johnson, unehelicher Sohn des legendären Schwergewichts-Weltmeisters Apollo Creed, gegen den Rocky kämpfte, ehe sie Freunde wurden.

Johnson gibt seinen sicheren Finanz-Job auf, um den unsicheren Traum von der Profi-Karriere leben zu können. In Rocky Balboa glaubt er, den idealen Trainer gefunden zu haben. Nur hat dieser mit dem Boxen nichts mehr am Fedora-Hut; die Brille stets leicht verrutscht, seine Bewegungen teils so quälend langsam wie die Sätze, die er spricht, arbeitet Balboa in Philadelphia in seinem Restaurant „Adrians“, das er nach seiner Frau benannt hat, die an Krebs gestorben ist.

Wie alle Boxfilme erzählt „Creed“ eine Emanzipationsgeschichte – auf mehreren Ebenen: Da ist der junge Boxer, der durch den Sport zunächst Selbstbeherrschung lernt. Johnson muss nicht nur den Jähzorn in den Griff bekommen, sondern sich auch vom ruhmvollen Ruf seines verstorbenen Vaters befreien. „Ich habe Angst, seinen Namen zu tragen“, sagt er einmal. Gleich zu Beginn sehen wir, wie sich Johnson auf einer Leinwand Creeds ersten Kampf gegen Balboa anschaut. Plötzlich steht der junge Mann auf und boxt gegen das Bild des Vaters, ahmt Rockys Schläge nach.

Doch bei Coogler muss auch der Ex-Weltmeister nochmals ran: Während er im bislang letzten Film, „Rocky Balboa“ (2006), gegen das eigene Alter angetreten und 60-jährig in den Ring zurückgekehrt ist, wartet nun der Kampf ums Überleben auf ihn. Stallone, dem seine 69 Jahre anzusehen und anzuhören sind, spielt herrlich zurückgenommen und verliert dabei nichts an Präsenz.

In der Titelrolle zeigt Michael B. Jordan innerhalb und außerhalb des Rings, wie vielseitig er ist. Tessa Thompson komplettiert als Johnsons Freundin sehenswert das pulsierende Trio im Zentrum.

Der Regisseur und seine französische Kamerafrau Maryse Alberti, die in „Der Wrestler“ bereits gezeigt hat, wie elegant, stimmig und mitreißend sie Sportszenen fotografieren kann, nehmen sich angenehm viel Zeit, um die Figuren zu etablieren und von deren Beweggründen zu erzählen. Das macht „Creed“ auch für Zuschauer spannend, die kaum Interesse an Boxen haben. Wer mit „Rocky“ alt geworden ist, wird sich zudem über die liebevoll inszenierten Verweise auf die Vorgeschichte freuen – und darf den Kampf Creed vs. Balboa mit neuen Kontrahenten nochmals erleben.

Natürlich vergessen die Filmemacher auch das Treppenmotiv nicht, das seit dem ersten Teil 1976 dramaturgisches Element eines jeden Boxfilms ist. Um seinen Platz im Ring (und damit im Leben) zu finden und zu behaupten, muss der Held so manche Treppe erklimmen: Hier zunächst in einer Kneipe in Tijuana zu einem mehr oder minder legalen Kampf. Am Ende steht Johnson – zusammen mit seinem Trainer – endlich vor jenen Stufen, die längst verankert sind im popkulturellen Gedächtnis der Welt. Sie steigen hinauf, anstrengend ist es für beide. Und als sie endlich oben vor dem Philadelphia Museum of Art stehen, da fehlt ihnen die Kraft zur Siegerpose. Oder?

„Creed – Rocky’s Legacy“

mit Michael B. Jordan, Tessa Thompson, Sylvester Stallone

Regie: Ryan Coogler Laufzeit: 132 Minuten

Hervorragend

Dieser Film könnte Ihnen gefallen, wenn Sie „The Fighter“ mochten.

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