Bestseller-Krimi im Kino

"Schändung": Abstieg in düstere Welten

„Schändung“, die Kino-Adaption von Jussi Adler-Olsens Bestseller um Kommissar Carl Mørck, zeigt menschliche Abgründe in bedrückender Optik.

Sherlock Holmes hat ausgedient. Analyse, Deduktion, ein messerscharfer Verstand und eine fast schon philosophische Vernunft – das reicht heute nicht mehr aus, um einen Krimi zu erzählen und das Publikum zu ködern. Nicht mal in der Serie „Sherlock“, die dem Detektiv eine grause Welt des Psychopathischen gegenüberstellt.

Heute sind aus vielen Krimis Thriller geworden, und der Mord hat sich in ein Gemetzel verwandelt. Das ist kein Trend, sondern eine langwierige, historische Entwicklung: Wer kann nach den beiden Weltkriegen und der größten Barbarei der Geschichte, dem Holocaust, noch an normale Gangster und lässige Ermittler glauben? Dieser Prozess hat längst auch den „Tatort“ erreicht, offenbart sich jedoch besonders deutlich in den düsteren Publikationen des skandinavischen Sprachraums.

Darunter fallen die Bücher des Dänen Jussi Adler-Olsen. Er hat mit Kommissar Carl Mørck vor acht Jahren einen typisch zeitgenössischen Helden geschaffen. Frustriert, menschlich nicht ganz sauber, einsam und dem Wrack näher als dem Ideal eines allzeit bereiten Arbeitnehmers. Als Mørcks erster großer Fall „Erbarmen“ 2013 verfilmt wurde, gelang es dem Regisseur Mikkel Norgaard und seinem Hauptdarsteller Nikolaj Lie Kaas, dieses Wrack perfekt abzubilden. Dass der Unsympath Mørck überhaupt als Hauptfigur funktioniert, hat er seinem Kollegen und Kumpan Hafez el-Assad (Fares Fares) zu verdanken, dem menschlich-liebevollen Gegenpart zum Kommissar. Dr. John Watson lässt grüßen.

Ein Jahr nach „Erbarmen“ legt Nørgaard nun die Fortsetzung vor. Wie bereits sein Vorgänger kommt „Schändung“ im Januar in die deutschen Kinos (in Dänemark war es im Herbst) – ein Weihnachtsstart wäre bei dem Thema auch nicht möglich gewesen. Der Thriller dringt nicht nur thematisch in die Niederungen der Gesellschaft vor, sondern auch optisch. Die Farben der Bilder wechseln zwischen Grau-Braun-Schmuddelfahl und eiskaltem Blau. Wir sehen Leichen in der Badewanne wie in einem Gemälde drapiert, neogotische Architektur wie aus einem englischen Horrorfilm. Alles ist grässlich, und wenn nicht gerade eine neue Leiche auftaucht, dann regnet es. Freilich ist diese Ästhetik nicht gerade originell. Doch erfüllt sie ihren Zweck und zieht den Zuschauer – gemeinsam mit dem nicht minder abgründigen Plot – hinein in die Welt menschlicher Bestialität. Die Ermittler nehmen sich eines 20 Jahre zurückliegenden Doppelmordes an und geraten dabei nicht nur an eine geheimnisvolle Frau, sondern auch an eine Gruppe ehemaliger Eliteschüler.

Die stärksten Momente des Films aber liegen nicht in der Optik, sondern in der Darstellung. Danica Curcic vollbringt als verstörte Rächerin Kimmie eine Meisterleistung. Pilou Asbæk evoziert als Verdächtiger Ditlev Pram Ekelkrämpfe – den verzogenen Rotzlümmel, Karrieristen und Sadisten nehmen wir ihm ab. Jetzt noch ein bisschen weniger Pathos, und die Sache wäre richtig rund geworden.

Katrin Hildebrand

Rubriklistenbild: © Christian Geisnaes/NFP

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