Hinreißende Generationenkomödie

"Wir sind die Neuen": Die wilden Alten im Kino

München - Mit „Wir sind die Neuen“ bringt Regisseur Ralf Westhoff eine hinreißende Generationenkomödie mit Heiner Lauterbach und Gisela Schneeberger in die Kinos.

Mangelnde Moneten und Münchner Mietpreise bringen die resolute Biologin Anne (Gisela Schneeberger) auf die Idee, ihre einstige Studenten-WG wieder aufleben zu lassen: Nach 35 Jahren zieht sie erneut mit dem verführerischen Revoluzzer Eddi (Heiner Lauterbach) und dem idealistischen Rechtsanwalt Johannes (Michael Wittenborn) zusammen. Die drei lebenslustigen, chronisch chaotischen Alt-68er frönen bis spät in die Nacht dem Rotwein, diskutieren lautstark am Küchentisch und tanzen windmühlenartig zu den Platten von damals. Weil sie es wie früher ordentlich krachen lassen, bekommen sie handfesten Krach mit ihrer Nachbar-WG.

Denn die drei karrierefixierten, examensgestressten Studenten aus dem zweiten Stock folgen einem etwas spießigeren Lebensentwurf: Sie träumen von hohem Einkommen, Eigenheim und Eheglück. Sie büffeln besessen, bis sie bleich werden. Mittags verbringen sie zehn Minuten „Quality Time“ mit dem Tagesgericht T3 vom Asia-Mann. Chillen finden sie verdammt stressig, ein Analog-Chat im Treppenhaus ist im Tagesablauf nicht vorgesehen. So entspinnt sich ein Kleinkrieg zwischen den jung gebliebenen Alten und den geistig früh vergreisten Jungen. Erst allmählich dämmert es beiden Generationen, dass sie wunderbar voneinander profitieren können.

Mit diesem neuen Meisterstück knüpft Autor und Regisseur Ralf Westhoff wieder an seinen brillanten Erstling „Shoppen“ an. Diesmal lässt er unterschiedliche Lebensmodelle aufeinanderprallen und fragt sich, was bitterer ist: Wenn man sich als Senior keine anständige Wohnung mehr leisten kann – oder wenn man den Erfolg eines Lebens nur in Euro misst? Er widmet sich ernsten Themen wie Leistungsdruck, Mietpreisexplosion und Altersarmut. Aber er tut das alles – und das ist seine große Kunst – in Form einer höchst erfrischenden, locker-leicht erzählten Komödie. Mit untrüglichem Gespür für Timing zündet Westhoff einmal mehr ein wahres Feuerwerk an klugem Wortwitz: Kaum jemand in Deutschland schreibt so präzise, gepfefferte Dialoge, bei denen die Pointen stets perfekt zünden.

Bei der Auswahl seiner Schauspieler hat er ebenfalls wieder ein goldenes Händchen bewiesen: Das aufgekratzte Oldie-Trio ist mit seiner Detailgenauigkeit und seiner ansteckenden Spielfreude schlichtweg zum Niederknien, aber auch die fabelhaften Jungdarsteller Claudia Eisinger, Karoline Schuch und Patrick Güldenberg halten wacker dagegen, obwohl sie die undankbareren Rollen erwischt haben: egoistische Effizienzbestien und verspannte Spaßbremsen, die gegen die flotten Alten alt aussehen. Doch Westhoff zeichnet auch diese strebsamen Studiosi mit liebevollem Blick, feinen Pinselstrichen und viel Fingerspitzengefühl. Zu Recht gewann er für seine hinreißende Generationenkomödie beim Münchner Filmfest zum zweiten Mal den Förderpreis Neues Deutsches Kino.

Marco Schmidt

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Rubriklistenbild: © dpa

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