Kinotrailer und Filmkritik

Kinostart der Woche: "Steve Jobs" als iGott

In „Steve Jobs“ porträtiert Danny Boyle einen Mann, der besessen ist von einer Vision, der er alles unterordnet. Hier gibt es den Kinotrailer und unsere Filmkritik.

In drei Akten erschuf sich der iGott selbst. Und diese drei Akte, die alle gleich gebaut sind, spielen in den Jahren 1984, 1988 und 1998. Es ist ein so strenges wie schlichtes dramaturgisches Korsett, in das Regisseur Danny Boyle „Steve Jobs“ zwängt. Das gibt seinem Film Halt und erzeugt Spannung – lässt zugleich aber kaum Raum für alles andere im Leben des Mannes, um den es hier geht.

Der iGott in drei Akten - 1984, 1988 und 1998

Doch Boyle und sein Drehbuchautor Aaron Sorkin hatten gar nicht vor, die Biografie des Apple-Mitbegründers zu erzählen, der 2011 mit 56 Jahren an Krebs gestorben ist. Sie interessiert die Entwicklung vom Visionär zu jenem Mann, der aus dem Pleitekandidaten Apple ein Milliarden-Unternehmen formte. Dafür extrahieren sie aus Jobs’ Karriere die genannten drei Jahre, genauer: die jeweiligen Tage der Produktpräsentationen, die Vorstellung des ersten Macintosh (1984), die Premiere des Next-Computers nach Jobs’ Rauswurf bei Apple (1988) und die Einführung des iMac nach seiner Rückkehr in die Firma (1998).

Boyles Film spielt jeweils in der rasch verrinnenden Zeit (was die Spannung zusätzlich erhöht), bevor Jobs vor Technikfreaks und Journalisten treten muss, um Neues zu verkünden. Ein Messias, der das Kommunikationszeitalter erbeben lässt – und das wortwörtlich, wenn das Publikum in Erwartung seines Auftritts so heftig klatscht und trampelt, dass die Lampen wackeln. Hinter der Bühne, bevor er der Masse gibt, was sie verlangt, trifft Jobs an jenen drei Tagen auf stets dieselben Weggefährten. Etwa auf Steve Wozniak, der einst in der berühmt gewordenen Garage den ersten Apple zusammenlötete, auf den damaligen Apple-Chef John Sculley, aber auch auf Lisa, die uneheliche Tochter, von der Jobs lange nichts wissen wollte. Das Wenige, was darüber hinaus zum Verständnis notwendig ist, handelt Boyle in Rückblenden ab. Der große Rest wird ausgelassen.

Es ist tatsächlich ein simples Konzept, auf dem diese Produktion basiert. Und doch gibt es zwei Gründe, die es rechtfertigen. So schafft der Regisseur in diesen 123 Minuten eine Analogie zur Funktionsweise eines Apple-Computers, lässt Jobs’ Credo also Film werden. „End-to-end-Control“ predigte der seinen Programmierern, soll heißen: keine Kompatibilität mit anderen Geräten; der Apple-Nutzer soll seinen Rechner nicht selbstständig auf- oder umrüsten können. „Wer behauptet hat, der Kunde sei König, war ein Kunde.“ Die Maschinen – Jobs vergleicht sie mit Kunstwerken – sind in sich geschlossene Systeme.

Genau das ist Boyles Film, der konsequent innerhalb von Gebäuden spielt. Die Bilder des deutschen Kameramanns Alwin Küchler sind selbst in sich geschlossen – und ermöglichen es dem Zuschauer, auf der Leinwand die Idee eines Apple nachzuvollziehen.

Doch eine überzeugende visuelle Idee trägt noch keinen Film. Dafür sorgen die Schauspieler. „Steve Jobs“ fesselt durch die Spannung zwischen den Figuren und Sorkins genau gearbeiteten Dialogen.

Steve Jobs als arroganter, fieser aber genialer Typ

Michael Fassbender zeichnet in der Titelrolle das Porträt eines Mannes, der besessen ist von seiner Vision und dieser alles, wirklich alles unterordnet. Ein arroganter, fieser, unmenschlicher Typ, der Mitarbeiter bloßstellt, blufft und blendet. Dessen Ideen andererseits oft genial sind. Der Talente erkennt und verknüpft – insofern passt es, wenn sich Jobs mit einem Dirigenten vergleicht und zu Wozniak sagt: „Du spielst dein Instrument, ich spiele das Orchester.“ Boyles Ansatz verstärkt diese Eigenschaften wie unter einem Brennglas. Seinen Widerpart findet Fassbender in Kate Winslet als Joanna Hoffman. Apples Marketing-Chefin ist die Einzige, die es ab und an wagt, Jobs’ Egotrips Einhalt zu gebieten; Winslet spielt das großartig. Oscar-würdig sind beide.

Es gibt in diesem Film nur zwei Szenen, in denen Jobs im Freien zu sehen ist. Surreal und fremd wirken Sonnenlicht und Umgebung, die Alwin Küchler einfängt – unbekannt wie das, womit sich Jobs hier schutzlos beschäftigen muss: den eigenen Emotionen. Bei einem Spaziergang vor der Halle, in der er kurz darauf den Mac präsentieren will, beendet er 1984 die Freundschaft zu Wozniak. In der zweiten Freiluft-Sequenz läuft Jobs 1998 seiner Tochter auf einen Parkplatz nach – und hat, als er Lisas Walkman sieht, die Idee für den iPod. Das mag banal gelöst sein, macht aber eines klar: Manchmal lohnte sich selbst für Steve Jobs der Ausbruch aus einem geschlossenen System.

„Steve Jobs“

mit Michael Fassbender, Kate Winslet, Seth Rogen

Regie: Danny Boyle

Laufzeit: 123 Minuten

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Rubriklistenbild: © Universal Pictures/dpa

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