Superhelden feiern Abschlussparty

"The Avengers 2": Unser Filmtipp der Woche

München - Der zweite „Avengers“-Film „Age of Ultron“ ist eine beglückende Antithese zu Michael Bays „Transformers“. Sehen Sie hier den Kinotrailer und die Filmkritik.

Man kann sich Joss Whedon wie einen Renaissance-Künstler vorstellen: einer, der für reiche Auftraggeber im Spiel mit etablierten Motiven, Ikonografien und Mythen Werke schafft, in denen er doch individuelle Vision und Genie zum Ausdruck bringt. Nur liefern nicht Bibel und Antike die Plot- und Bildvorlagen, sondern der Comic-Kanon. Und freilich sind in unserem Kapital-Feudalismus nicht Kirche, Hof, Mäzene seine Geldgeber, sondern der Disney-Konzern.

Aber der Meister beweist sich eben im kreativen Umgang mit den Bedingungen: Gleich zu Beginn frotzelt er darüber, dass Saubermann Captain America (wie die Produzenten) brav jugendfreie Ausdrucksweise anmahnt. Und wenn der Bösewicht Ultron sich von den Marionettenfäden seines ursprünglichen Metallkörpers befreit, zum bösen Geist im Netzwerk wird, dann tut er das zu „I’ve got no Strings“ aus dem Disney-Klassiker „Pinocchio“.

Die „Avengers“-Filme sind im Marvel-Universum zugleich die großen, narrativen Stützpfeiler und eine Art Abschlussparty: In ihnen kulminieren die Geschichten der Solo-Auftritte von Iron Man, Captain America, Thor & Co. – und bekommen Downey, Evans, Hemsworth, Johansson, Ruffalo, Renner und andere Gelegenheit, miteinander ihre komödiantische Chemie auszukosten.

"Age of Ultron" als Auseinandersetzung mit US-Imperialismus

Den ersten Teil verbrachte Whedon damit, die Einzelgänger zusammenzuspannen – nun bohrt er im etablierten Team nach den individuellen Schwachstellen. Und wenn „Avengers“ überdeutlich Bezug auf den 11. September 2001 nahm, dann ist „Age of Ultron“ eine offensichtliche Auseinandersetzung mit dem US-Imperialismus. Ultron ist die ungewollte Ausgeburt von Tony Starks Sicherheitswahn nach der New Yorker Katastrophe: Der militärisch-industrielle Komplex gebiert Monster, die weltweit Opfer fordern.

Der Film ist bewusst global angelegt, spielt in Südafrika, Pakistan, Osteuropa, Korea. Er ist halb Angstfantasie, halb Utopie von einer echten Weltpolizei. Aber wo der letzte „Captain America“-Film zu plump Polit-Thriller sein wollte, ist dies in „Age of Ultron“ nur ein Faden in einem dichten, schillernden Gewebe. Whedon nimmt genauso die Diskurse aus der Fankultur auf, wie den Vergleich zu Bryan Singers rivalisierender „X-Men“-Franchise, indem er ebenfalls Quicksilver (hier: Aaron Taylor-Johnson) einführt – und zudem Scarlet Witch (Elisabeth Olsen) als Neuzugang mit Potenzial. Er liefert eine beglückende Antithese zu Michael Bays zynischen, rassistischen „Transformers“-Schrotthaufen und eine deutliche Replik auf Zack Snyders faschistoiden „Man of Steel“. Er findet immer Zeit für eine überraschende Pointe, einen selbstreferenziellen Gag. Und lässt den Film doch im Grunde davon handeln, was es heißt, Kinder in die Welt zu setzen – oder sich Ersatz dafür zu schaffen, wo dies versagt bleibt.

Whedon findet, bei aller populärkulturellen Cleverness, noch in der bombastischsten Action ein menschliches Moment. Und hat mit „Age of Ultron“ im kommerziellsten Kontext ein unverkennbar persönliches Werk geschaffen. (In München: Mathäser, Cinemaxx, Royal, Gloria Palast, Münchner Freiheit, Cincinnati, Autokino, Cinema OV.)

Thomas Willmann

„The Avengers 2: Age of Ultron“

mit Scarlett Johansson

Regie: Joss Whedon

Laufzeit: 141 Minuten

Dieser Film könnte Ihnen gefallen, wenn Sie Whedons „Avengers“, „Buffy“, „Firefly“ oder „Much Ado about Nothing“ mochten.

 

Rubriklistenbild: © Jay Maidment/Marvel/dpa

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