Trailer & Filmkritik

Tarantinos "The Hateful Eight": Irgendwann hasst man sie alle

Am 28. Januar startet das neue Werk von Kultregisseur Quentin Tarantino in den deutschen Kinos: Dem Regie-Star glückt damit ein Kammerkrimi-Western über ein von Hass vergiftetes Land. Hier gibt es unsere Filmkritik.

Da sind sich alle einig: Das mit Mary Todd ist ein hübsches Detail! Von Abraham Lincoln höchstselbst besitzt der schwarze Ex-Bürgerkriegs-Offizier Major Marquis Warren (Samuel L. Jackson) einen Brief. Und am Ende schreibt der Präsident, er werde von seiner Frau zu Bett gerufen. Das ist entwaffnend intim, häuslich. Und das macht den Lincoln-Brief zu Warrens bester Waffe. Denn nur wenn die Weißen entwaffnet sind, fühlt sich ein Schwarzer sicher – sagt Warren. Nur solange die Schwarzen Angst haben, sind die Weißen sicher – sagt Chris Mannix (Walton Goggins), Ex-Südstaaten-Rebell und Sheriff in spe.

Offiziell ist das Land befriedet. Doch es gärt weiter in diesen angeblich Vereinigten Staaten. Ein Blizzard zwingt eine Handvoll Fremde unter das enge Dach einer Berg-Kaschemme, darunter ein Kopfgeldjäger (Kurt Russell) und seine Gefangene (Jennifer Jason Leigh), ein britischer Henker (Tim Roth), ein zwielichtiger Mexikaner (Demián Bichir) und ein Konföderierten-General (Bruce Dern). Aber die wenigsten sind das, was sie vorgeben.

War „Inglourious Basterds“ nicht zuletzt ein Film über Sprache und „Django Unchained“ einer über Namen, so ist „The Hateful Eight“ nun einer über Lügen. Die Überbreite des glorreichen 70-Millimeter-Formats nutzt Tarantino für erhabene Winterwestern-Weite – und als (doppelbödige) Theaterbühne für einen Kammerkrimi um Gift im Kaffee, um (Selbst-)Justiz in einem hassvergifteten Land.

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Es ist Tarantinos in sich geschlossenstes Werk seit „Reservoir Dogs“. Kein solch filmhistorisches Zitat- und Verweissystem wie üblich. Und sein erstes Opus mit einer (nur von wenigen Songs pointierten) eigens komponierten, kohärenten Musik, immerhin von Großmeister Ennio Morricone. Einerseits ist der Film durchaus ein Vergnügen: Er hat – Du kriegst die Tür nicht zu! – Running Gags. Und ein grandioses Ensemble, dem Tarantino wieder Paraderollen auf den Leib geschrieben hat. Aber „Hateful Eight“ dürfte selbst (und gerade) viele Tarantino-Fans verstören, die bisher nur die Coolness der Oberfläche wahrnahmen. Der Film hat Zähne und Krallen. Keine der Figuren ist auf der sicheren Seite, und auch als Publikum ist man es nie.

Der Titel ist Programm: Egal, wen man sich als vermeintlichen Helden oder Heldin kürt, irgendwann lernt man jede Figur hassen, da herrscht Gleichberechtigung zwischen Hautfarben und Geschlechtern. So slapstickhaft überzogen die Gewalt im einen Moment sein kann, so weh tut sie im nächsten. Und es sind oft gerade nicht die Blutfontänen, die wie Magenschwinger wirken, sondern die seelischen Grausamkeiten. Utopie gibt es in diesem Film nur in der Rückblende, gnadenlos ausgemerzt. In diesem Amerika scheint stets Gewalt die einzige Lösung. Nur darin sind sich auch alle einig.

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„The Hateful Eight“: mit Samuel L. Jackson, Kurt Russell, Jennifer Jason Leigh

Thomas Willmann

Rubriklistenbild: © Andrew cooper/ SMPSP

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