Sicht des Ex-Verteidigungsministers

Entlarvende Rumsfeld-Doku "The Unknown Known"

Berlin - Wie tickt ein Politiker, dessen Karriere eng mit dem Irakkrieg verbunden ist? Die Dokumentation „The Unknown Known“ über Donald Rumsfeld, den ehemaligen US-Verteidigungsminister, offenbart einiges.

Große Politiker werden bewundert und gefürchtet zugleich. Immerhin müssen sie sich auch in schwierigen Situationen behaupten und Entscheidungen gegen Widerstände durchsetzen. Was aber geht im Kopf eines solchen Menschen vor? Dazu erfährt die Öffentlichkeit meist nur wenig. Auch deswegen sticht die Dokumentation „The Unknown Known“ des Oscar-Preisträgers Errol Morris aus den üblichen Kino-Dokus hervor: Er traf den ehemaligen US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld für längere Gespräche - entlarvende Widersprüche zum Irakkrieg inklusive.

Rumsfeld, mittlerweile 81 Jahre alt, wird mit seiner Amtszeit unter Präsident George W. Bush von 2001 bis 2008 vor allem wegen des Irakkrieges in Erinnerung bleiben. Ihm tritt in „The Unknown Known“ der Amerikaner Morris gegenüber, der mit dem Thema an seine früheren Werke anküpft. In „Standard Operating Procedure“ beispielsweise ging er den Abu-Ghoreib-Folterskandal im Gefängnis im Irak nach, für die Polit-Doku „The Fog of War“ gab es 2004 einen Oscar.

In den rund 33-stündigen Interviews konfrontiert Morris den Ex-Minister mit dessen Aussagen aus der Vergangenheit und schneidet immer wieder ältere TV-Ausschnitte, Grafiken, Luftaufnahmen und Archivfotos dazwischen. Vor allem aber bilden Abertausende Notizzettel von Rumsfeld eine Grundlage für den Film. Der Politiker hielt in seiner langen Karriere, in der er bereits für die Ex-Präsidenten Richard Nixon und Gerald Ford arbeitete, viele Gespräche und Gedanken schriftlich fest.

Aus diesen Notizen stammt dann auch der Titel „The Unknown Known“. Diese Formulierung stammt nicht nur von Rumsfeld selbst, sie steht sinnbildlich auch für seine vielen Worthülsen, mit denen er das Politik-Chaos zu ordnen versuchte. „Diese Obsession mit Wörtern und Definitionen“ sei für ihn neu gewesen, sagte Morris nach den Dreharbeiten. „Er (Rumsfeld) manipuliert so nicht nur andere Menschen, sondern auch sich selbst. Meine Interpretation ist: Rumsfeld hat sich in einem Meer aus Worten verloren.“

Wirklich zerlegt wird die Person Rumsfeld dabei nun zwar nicht. Dafür ist er nach all den Jahren im Politgeschäft zu gewieft, zu wenig selbstkritisch. Klare Antworten auf klare Fragen - Fehlanzeige. Dennoch gelingt es Morris, einige Widersprüche festzuhalten. Etwa wenn Rumsfeld unter Bush erst versichert, der Irak habe Massenvernichtungswaffen, nur um nun zu erklären, Saddam Hussein habe sicher welche gehabt, diese aber zerstört und nur niemandem davon erzählt.

Vor allem aber demontiert sich Rumsfeld ein Stück weit selbst. Aus seiner Zeit als Verteidigungsminister ist zwar schon bekannt, dass er mit seinem oft rüden Umgangston Mitarbeiter und Offiziere wiederholt vor den Kopf stieß. Wie selbstherrlich und arrogant er tatsächlich wirkt, offenbart „The Unknown Known“ nun ebenfalls - Rumsfeld möchte nicht nur nichts hinterfragen, er lächelt jeden Zweifel, jede Nachfrage auch einfach mit einem breiten Grinsen weg.

dpa

Rubriklistenbild: © Nubar Alexanian/NFP/dpa

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