Zwischen Himmel und Hölle

Unser Film der Woche: "Mein Ein, mein Alles"

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Zwischen Glück und Weinkrämpfen pendelt die Beziehung von Tony (Emmanuelle Bercot) und Georgio (Vincent Cassel). 

München - „Mein Ein, mein Alles“ ist die kraftvolle, höchst intensive und aus weiblicher Sicht erzählte Geschichte einer Amour fou.

Der Restaurantbesitzer Georgio knallt in das Leben der Anwältin Tony: ein charmanter Chauvi, leidenschaftlicher Liebhaber und geistreicher Genussmensch. Vom ersten Moment an ist sie ihm völlig verfallen – im Verlangen nach Sinnesrausch, nach heftigen Ausschlägen auf ihrem Lebens-EKG, liefert sie sich seinen exzessiven Eskapaden aus und lässt sich ein auf eine selbstzerstörerische Beziehung mit ihm.

Georgio entpuppt sich als drogensüchtiger Narziss und Zwangsneurotiker, als notorischer Aufreißer und Aufschneider, der ein Doppel- und Dreifachleben führt: Trotz seiner Heirat und eines gemeinsamen Kindes mit Tony legt er weiterhin reihenweise Models flach, bleibt emotional abhängig von seiner Ex-Freundin Agnès und reißt Tony mit in einen finanziellen Abwärtsstrudel. Nach einem Skiunfall versucht Tony in einer Reha-Klinik, ihre körperlichen und seelischen Wunden zu heilen. Packendes Gefühlskino der Extreme: Nach ihrem preisgekrönten Sozialdrama „Poliezei“ schildert Koautorin und Regisseurin Maïwenn nun in „Mein Ein, mein Alles“ das Scheitern einer typischen Amour fou, erzählt aus weiblicher Sicht, eingebettet in eine etwas platte Rahmenhandlung, in der Tony durch eine Clique junger Reha-Patienten wieder Selbstvertrauen gewinnt.

In Rückblenden erleben wir Himmel und Hölle ihrer Beziehung mit Georgio, der sich selbst treffend als „König der Kotzbrocken“ bezeichnet und sich dabei auch noch toll findet. Zugegeben, dieses nervenaufreibende Melodram ist ein wenig zu lang geraten und auf Dauer kaum auszuhalten. Aber es bleibt immer kraftvoll, höchst intensiv, berstend vor Passion.

Maïwenn inszeniert mit faszinierendem Blick für Details und animiert ihre fabelhaften Akteure zu Glanzleistungen, sodass die gepfefferten Dialoge stets frisch wirken, fast wie improvisiert. Vincent Cassel („Black Swan“) dreht in seiner Paraderolle als animalischer Verführer voll auf, verkörpert Georgio als Getriebenen, permanent am Anschlag. Und Emmanuelle Bercot, selbst erfolgreiche Autorin und Regisseurin („Madame empfiehlt sich“), lässt uns tief eintauchen in Tonys Gefühlschaos, in die hysterischen Anfälle und Weinkrämpfe der rationalen Juristin, die in Liebesdingen wider jede Vernunft agiert. Zur Belohnung gab es dafür den Darstellerpreis in Cannes.

„Mein Ein, mein Alles“

mit Emmanuelle Bercot

Regie: Maïwenn

Laufzeit: 124 Minuten

Sehenswert

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Marco Schmidt

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