Eine barrierefreie Komödie

Vielen Dank für Nichts: Rollstuhlfahrer planen Raubüberfall

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Valentin Frey (mi, Joel Basman) und seine neu gewonnenen Freunde Lukas (Nikki Rappl) und Titus (Bastian Wurbs) auf dem Weg zum Tankstellenüberfall.

München - "Vielen Dank für Nichts" erzählt die Geschichte von Valentin, der seit einem Snowboard-Unfall im Rollstuhl sitzt. Zusammen mit seinen neuen, ebenfalls behinderten Freunden plant er einen Überfall auf eine Tankstelle. Die Kritik:

Jeder ist irgendwie behindert. Der eine mehr, der andere weniger. Dennoch tritt die bürgerliche Gesellschaft dem Phänomen mit Unbehagen entgegen. Auch „Vielen Dank für Nichts“ wird das Problem nicht lösen. Dennoch hat das schweizerisch-deutsche Gespann Oliver Paulus und Stefan Hillebrand mit seiner Komödie einen Weg gefunden, der Behinderung unverkrampft zu begegnen, dies jedoch mit brutaler Schärfe und Energie. Schon bei der Wahl der Form haben die Regisseure Mut bewiesen. Sie erzählen die Geschichte des durch einen Unfall querschnittsgelähmten jungen Snowboarders Valentin (Joel Basman).

Gerade im Bereich des Jugendfilms sind die Fettnäpfchen groß. Teenagerliebe als zarte, aber tragische Romanze, Rebellion, der Drang nach Hipness: Wie leicht artet das in Kitsch, leere Phrasen und Peinlichkeiten aus. Paulus und Hillebrand jedoch geben dem Publikum keinerlei Anlass zu Fremdscham. Sie vermischen in ihrer Geschichte die Typenkomödie mit einer alpenländisch-kuriosen Variante vom „Club der toten Dichter“ und reichern das Ganze mit politisch-unkorrekten Gewalt- und Rachefantasien an. Jeder depressive Augenblick wird durch die Wut der drei nicht ganz alltäglichen Protagonisten zu einem Moment der Revolte.

Valentin, einst ein cooler, Typ, nun im Rollstuhl und voller Frust, muss auf Geheiß seiner Mutter im Behindertenheim an einem Theaterprojekt teilnehmen. Mit ihm tritt der Zuschauer in eine Welt der spastischen Lähmungen, des Down-Syndroms, ja einer Morbidität ein, die so gar nichts mit den poetischen Krankheiten des 19. Jahrhunderts (allen voran Schwindsucht) zu tun hat. Mit Valentin lernt der Zuschauer, die Heimclique als neuen Freundeskreis zu akzeptieren. Aber eben weder als Paradies noch als Hölle, sondern als Miniaturausgabe einer beinharten Realität. Die drei Hauptdarsteller Joel Basman, Nikki Rappl und Bastian Wurbs bezaubern in jeder Sekunde durch ihren Freiheitsdrang und den wütenden Anspruch, endlich als Mensch behandelt zu werden.

So setzt „Vielen Dank für Nichts“ Stolz, Raserei, ja sogar aufbrausend erotische Momente von großer Schönheit gegen eine gesellschaftliche Ohnmacht, die nicht nur die Behinderten betrifft. (In München: Rottmann.)

Dieser Film könnte Ihnen gefallen, wenn Ihnen Behindertenkomödien wie „Die Mongolettes – Wir wollen rocken!“ zu harmlos waren.

von Katrin Hildebrand

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