Kinotrailer und Filmkritik

Film der Woche "The Walk": Drahtseilakt zwischen den Twin Towers

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Einmal wissen, wie er sich anfühlen könnte – der Lauf auf dem Drahtseil in hunderten Metern Höhe: Dieses Erlebnis bietet Regisseur Robert Zemeckis den Zuschauern in „The Walk“, wenn er Joseph Gordon-Levitt als Seiltänzer Philippe Petit über den Straßen von New York wandeln lässt.

Perfekte Besetzung, grandiose Kamera, unglaubliche Geschichte: „The Walk“ vereinigt alles, was ein Erfolgsfilm braucht und ist deshalb unser Film der Woche.

Die Legende geht so: Als Anfang der Siebzigerjahre die Zwillingstürme des World Trade Center in New York gebaut wurden, konnte sie keiner so richtig leiden. Sie sähen aus wie Aktenschränke, ätzten die Leute, zwei riesige Klötze, die fortan die Skyline von Manhattan dominieren sollten. Doch als am 7. August 1974 ein schmaler Franzose ein Drahtseil zwischen dem Nord- und dem Südturm spannte und in 400 Metern Höhe darauf herumspazierte, als balancierte er auf einem Bordstein in Paris, änderte sich diese Meinung: Die eiligen New Yorker hielten inne, hoben den Blick, beobachteten gebannt den Mann auf dem Seil – und entdeckten die Schönheit des World Trade Center.

Schwer zu sagen, ob dieser Aspekt der Geschichte wahr ist. Sicher aber ist: Der heute 66-jährige Philippe Petit ist der einzige Mensch, der jemals einen Drahtseilakt zwischen den beiden Türmen vollführt hat. Der Weg dorthin war jedoch mühsam, gefährlich – und illegal. Oscar-Preisträger Robert Zemeckis („Forrest Gump“) hat ihn nun verfilmt. Fraglich, ob ein anderer Schauspieler die Rolle des besessenen Artisten so hätte ausfüllen können wie Joseph Gordon-Levitt, der von Petit persönlich in der Kunst der Hochseilartistik unterrichtet wurde. Mit französischem Akzent und schelmischem Grinsen erzählt er, lässig auf der Freiheitsstatue sitzend, Philippes Geschichte. Wie er sich in Paris als Straßenkünstler durchschlug, wie er die Drahtseilkoryphäe Papa Rudy (Ben Kingsley!) kennenlernte, wie er schließlich vom Bau des World Trade Center erfuhr und sich diese verrückte Idee in seinem Kopf einnistete: der erste Mensch zu sein, der den Abstand zwischen den Zwillingstürmen auf einem Seil überwindet.

Diese geplauderte Moderation, mit der Gordon-Levitt das Publikum direkt anspricht, verleiht dem Film einen Hauch von Varieté. Spielerische Farb- und Digitaleffekte werden liebevoll in die Aufnahmen eingebettet, sodass die wahre Geschichte beinahe fabelhaft wirkt. Und natürlich muss ein Film über einen Drahtseilakt in 3D gesehen werden. Jedoch: Die Effekte dienen nie dem Selbstzweck, sondern stützen immer die Erzählung – daran könnten sich viele Filmemacher ein Beispiel nehmen.

Perfekt ausgewählte Besetzung, grandiose Kameraarbeit von Dariusz Wolski („Fluch der Karibik“) und eine unglaubliche Geschichte: „The Walk“ vereinigt alles, was man sich für einen Erfolgsfilm wünschen kann. Die geheime Zutat liegt aber wohl darin, dem Zuschauer zu einer Erfahrung zu verhelfen, die ihm sonst sehr wahrscheinlich verwehrt bliebe. „Wenn Sie einen Seiltänzer beobachten“, sagt Regisseur Zemeckis, „sehen Sie ihn immer nur von unten. Sie können nicht wissen, wie es ist, auf dem Seil zu sein.“ Sein Film macht das nun möglich – zumindest ein bisschen.

von Johanna Popp

„The Walk“

mit Joseph Gordon-Levitt, Ben Kingsley, Charlotte Le Bon

Regie: Robert Zemeckis

Laufzeit: 123 Minuten

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