Was vom Cowboy-Mythos übrig blieb

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Alles andere als Lagerfeuer-Romantik: Die 17 Jahre alte Ree Dolly (Jennifer Lawrence) sucht ihren Vater. Weiß ihr Onkel Teardrop (John Hawkes), was mit ihm geschehen ist?

"Winter’s Bone" ist ein großartiger Frauenfilm, der - nicht nur - durch seine atmosphärische Dichte beeindruckt.

Es gibt diesen schönen Test zum männerzentrierten Weltbild unseres Kinos: 1. Gibt’s in einem Film mehr als zwei Frauenfiguren mit Namen? 2. Reden sie mal miteinander? 3. Über etwas anderes als Kerle? „Winter’s Bone“ ist einer der seltenen Filme, die diesen Test mit fliegenden Fahnen bestehen – und er ist noch viel mehr.

Lang hat man keine Heldin wie Ree Dolly (Jennifer Lawrence) mehr erlebt. Die 17-Jährige ist auf der dringenden Suche nach ihrem Vater: Emotional hat sie ihn zwar schon längst abgeschrieben, aber ihr Haus dient als Kaution für den Verschwundenen, und nur sein Auftauchen oder ein offizieller Totenschein können verhindern, dass sie es verliert.

Ree ist keine übliche Film- „Powerfrau“ und keine Abenteurerin. Sie ist eine glaubhafte Teenagerin, die mit ihrer wegdämmernden Mutter und ihren zwei kleinen Geschwistern in den Ozark Mountains lebt, am Rande des Existenzminimums, eigentlich schon überfordert davon, täglich Essen auf den Tisch zu bringen. Aber man könnte Ree als ferne Nachfahrin von Scarlett O’Hara aus „Vom Winde verweht“ sehen: Wenn’s sein muss, dann entdeckt sie einen Kern aus Stahl in sich, dann tut sie, was getan werden muss.

Sie bringt, wenn das Essen zu knapp wird, ihren Geschwistern bei, wie man Eichhörnchen jagt, häutet, ausnimmt, brät. Und sie zieht los, um nach ihrem Vater zu forschen. Es ist ein gefährliches Unterfangen, denn Südmissouri ist ein Landstrich der Drogen und der archaischen Clans. „Crystal Meth“, Methamphetamin, bietet den Leuten hier billigen Rausch – eine scheinbare Flucht vor dem Elend, die sie nur tiefer ins Elend treibt und die Gesichter auszehrt, die Körper skeletthaft macht.

Regisseurin Debra Granik fängt die Atmosphäre, die Physiognomien und (zumindest im Original) den Sound dieser Welt mit atemberaubender Dichte und Authentizität ein. Wie nur ein Independent- Film ohne Studiolack es kann – was selbst Hollywood mit vier Oscar-Nominierungen neidvoll anerkannte. Und so schonungslos hart „Winter’s Bone“ diese Welt zeigt, so wenig rutscht er in billige Klischees oder Denunziationen ab. Er findet immer wieder auch Momente der Würde und des Zusammenhalts dieser Menschen; selbst einen Army-Rekruteur macht er nicht zur Karikatur.

Es ist eine stark patriarchalische Welt, durch die sich Ree kämpft – der traurige, reale Überrest von amerikanischer Pionierromantik und Cowboy-Mythos. Aber diese in Sundance preisgekrönte Verfilmung von Daniel Woodrells (auch auf Deutsch erschienenem) Roman interessiert sich vor allem dafür, wie die Frauen sich arrangieren in diesem vermeintlichen Männerreich. Wie sie manchmal (aber nicht immer) nach außen kuschen, um dann anders ihren Willen durchzusetzen. Und eigentlich die größere Härte haben als ihre Kerle; sich viel weniger über ihre Beziehungen definieren als all die vermeintlich emanzipierten heutigen Großstadt-Kinofrauen.

Ree gibt nicht auf, weil sie das einfach nicht darf: Sie steckt ein, geht zu Boden, steht auf – und sucht und fragt weiter. Bis sie die grausige Wahrheit weiß. Auf „Winter’s Bone“ ließen sich viele Genre- Etiketten kleben: Er ist Thriller, Hinterwäldler-Drama, Sozialrealismus. Aber im Grunde ist er vor allem: ein echter, großartiger Frauenfilm. (In München: Münchner Freiheit, Atelier, Atlantis, Cinema OV.)

von Thomas Willmann

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